Musik

Wiederbelebung nach Lockdown – “Hammerkonzert” des Gürzenichorchesters

 

 

Es war schon etwas sehr Besonderes, nach Monaten der Abstinenz wieder ein live Konzert mit dem geliebten Gürzenich-Orchester zu erleben, draußen freundlich begrüßt vom Sologornisten Egon Hellrung. Naürlich mit Hinweisen zur Hygiene, die im Foyer noch einmal wiederholt wurden; entgegen anderslautender Informationen genügte dann doch auch der Impfpass.  Kurzfristig konnte das Event für die Abonnenten eingerichtet werden, erstaunlicherweise wurden tags zuvor noch einmal freie Plätze angeboten.

 

Welch herrlicher Anblick, das gut gefüllte Podium mit zulässigem Abstand, vor den Bläsern schützten große Plexiglas-Scheiben die Streicher. Natürlich lies es der GMD F.X. Roth sich nicht nehmen, im Freizeit-Look sein begeistert applaudierendes Publikum persönlich zu begrüßen.

 

Und geschickt nutzte er die lange Umbaupause zwischen „Alhambra“, dem Violinkonzert Nr. 3 von Peter Eötvös und Bartóks „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ von 1936 zu einem intensiven lockeren Gespräch mit dem gut befreundeten Komponisten, der auch beide Werke dirigierte. Schön wäre es gewesen, auch von der herausragenden Geigerin und Solistin Isabelle Faust mal ein paar Worte zu der Musik gehört zu haben. Immerhin hat Eötvös das Stück für sie komponiert. Nun ja, man ist im Lock down ja bescheiden geworden.

„Alhambra“ (2018) ist der lautmalerische Spaziergang durch die berühmte maurische Festung aus dem 13. Jahrhundert nahe Granada, an der die Sultane mehr als 200 Jahre gebaut hatten. Eötvös hatte im Gespräch zugegeben, vor der Komposition die Alhambra nur virtuell gesehen, bei einem späteren leibhaftigen Besuch jedoch gemerkt zu haben, dass seine Musik die Arabesken und Ornamente durch verschlungene Violinpfade, durch leise intensive Höhen, durch Glissandi und Chromatik arabischer Musik perfekt wiedergegeben hat. Peter Eötvös, der Klangmaler und Geschichtenerzähler, zum ersten Male am Pult der Gürzenichs, stammt aus Transsilvanien, Ort vieler Vampire. Aber anstatt Blut zu saugen, hat er sich intensiv mit Musik befasst, arbeitete mit Stockhausen in Köln, später mit Pierre Boulez und wurde einer der führenden Komponisten unserer Zeit.

Auch als Dirigent hat der 77-Jährige viele berühmte Orchester geleitet, und jetzt unser Gürzenich-Orchester. Er ließ viel Raum für die Solis der Geige, alles gut ausgewogen und dynamisch ausbalanciert, kein Tremolo oder Schlagzeug war zu laut. Der Geigenton wurde mit einer selten im Orchester zu erlebenden Mandoline virtuos umspielt. Zentrum der von Eötvös kongenial dirigierten Musik ist das „G“, es weist auf Granada hin. Spannend zu erleben war der Wettstreit mit den Orchester-Solisten, im Wechsel- und Zusammenspiel. Jeder im mit 250 Zuhörern schütter besetzen Auditorium (auch Ehepaare mussten 2 Plätze zwischen sich freihalten) spürte die große Begeisterung der vertrauten Musiker, endlich mal wieder vor – sorgsam mit Perso, Impfpass oder aktuellem Test und kontrolliertem Nachverfolgungszettel – Publikum spielen zu können.

 

Applaus der Musiker für die Solistin und den Dirigenten

 

Bela Bartok, der für seine Kompositionen oft selbst zusammengetragene Volksmusik verwendete, hat mit seiner „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ ein echtes „Hammerstück“ komponiert, mit überraschenden Klängen und Rhythmen, ganz ohne Folklore, aber für ein ganz großes Orchester: Corona bedingt waren nur ein Drittel der benötigten Musiker auf dem Podium. Trotzdem erlebte das tief beeindruckte Publikum ein sehr intensives Konzert, mit doppelt besetzten Streichern, dazu jede Menge Schlagzeug, auch Klavier und Harfe; ein Auftragswerk für das Baseler Kammerorchester und dessen Dirigenten Paul Sacher. Bartok setzte sich hier teilweise mit dem Zwölftonsystem auseinander, das Scherzo steht in scharfem Kontrast dazu, im tänzerischen Rondo erlebt man wieder etwas volkstümliche Musik. Ein hochspannendes echtes Kontrastprogramm, welches dem musikalisch entwöhnten Publikum voll unter die Haut gegangen sein dürfte. Beim jubelnden Applaus stellte sich der sympathische Dirigent bescheiden unter seine Musiker. Sicher wird man ihn gerne wieder einladen. Und vielleicht eine CD mit beiden Werken erwerben; bei Amazon derzeit nu1 11€.

 

Foto: ©Güzenichorchester

Ein anschließender fachlicher Austausch unter den Musikfreunden war kaum möglich, man erkannte sich eh kaum. Aber um so schöner war der Besuch eines der Lieblingslokale des Rezensenten gleich neben dem Ostermannbrunnen.

 

Text und Fotos: Michael Cramer

 

 

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