Musik

Die Trillerpfeife gegen das Kultur-Vergessen

 Ein Benefiz-Konzert für die Kölner Freie Szene

Pressekonferenz (v.l.): Thomas Fichter (Ensemble Musikfabrik), Louwrens Langevoort, François-Xavier Roth, Cristian Măcelaru und Alexander Scherf (Concerto Köln)

Text von Michael Cramer, Fotos © Rosa Frank u. Michael Cramer

Es war wirklich zum Heulen, und zwar mehrfach. Auf dem Podium spielte das hervorragende Ensemble von Concerto Köln ein Bach-Konzert für Oboe und Violine, sehr vertraute Musik, alles scheint wie immer, aber der Blick ins Publikum ließ erschaudern. Ein ausverkauftes Haus, aber mit 250 Zuschauern ! Und zwar alle einzeln gesetzt, bis ganz oben hin. Selbst Paare durften nicht nebeneinandersitzen, völlig ungewohnt und vereinsamend. Der pfiffige Intendant Louwrens Langevoort hatte in kürzester Zeit ein Benefizkonzert für die arg darbende Kölner freie Szene organisiert und gleichzeitig eine Premiere geschaffen: die beiden Hausorchester vom Gürzenich und vom WDR, dazu die Musiker von Concerto Köln und zwei Geigerinnen vom Ensemble Musikfabrik an einem Abend auf der Bühne. Immerhin etwas.

Das Gürzenichorchester mit Blaž Šparovec, Klarinette

Bei der Pressekonferenz auf der Empore im Foyer machte der Hausherr unverhohlen seinem Ärger Luft, da die Kultur von den Regierenden gleichgesetzt wird mit Fitnessstudio, Sauna oder Zoobesuch. Wörtlich: „Kultur ist nicht bloß Unterhaltung, sondern ein Teil des gesamten Gesellschaftslebens. Und ist nicht nur dazu da, um die Leute zu bespaßen, sondern ein wichtiger Teil der Persönlichkeitsbildung.“ Ein zweiter Lock down in einem Jahr wäre für ein Konzerthaus eine Katastrophe, Langevoort verzichtete jedoch auf eine Kommentierung der politischen Entscheidungen.

Concerto Köln in voller Aktion

Der Gürzenich-Chef Francois Xavier Roth wies dezent-sarkastisch auf seine Heimat Frankreich hin, wo in den geöffneten Lebensmittelgeschäften die Abteilungen für Bücher und CDs aber gesperrt seien. Hätten die Politiker dort nie etwas von „geistiger Nahrung“ gehört ? Cristian Măcelaru, Chef der WDR-Musiker, wies auf die Nöte der freien Musiker hin; auch Mozart sei ein „Freelancer“ gewesen. Und wer könnte auf ihn verzichten ? Alexander Scherf von den Barockmusikern freute sich über die Zusammenarbeit, wies aber auch darauf hin, dass das gesamte Weihnachtsgeschäft wegbräche und dass die Projektförderungen nur liefen, wenn Konzerte auch tatsächlich stattfinden würden. Und Thomas Fichter von der renommierten „Musikfabrik“ hob hervor, dass das Ensemble zwar öffentlich unterstützt würde, aber die Musiker müssten halt spielen, um Geld zu verdienen.

Statement zur Lage der Kultur (v.l.) Cristian Măcelaru, François-Xavier Roth, Louwrens Langevoort

Die eineinhalb Stunden des Konzertes vergingen viel zu schnell für das musikalisch ausgehungerte Publikum, zu hören waren überwiegend Ohrwürmer wie das bereits erwähnte Bachkonzert mit den ausgezeichneten Solisten Clara Blessing (Oboe) und Mayumi Hirasaki (Violine), auch das nachfolgende Vivaldi-Konzert für Streicher A-Dur, RV 158, erfreute in höchstem Maße. Der renommierte Neutöner Luigi Nono hatte in seiner letzten Komposition (1989) das Wandern thematisiert, den Titel dafür fand er an einer Klostermauer in Toledo: “Es gibt keine Wege. Es gibt nur das Gehen“, er hatte „träumend“ ergänzt. Die beiden Geigerinnen Sara Cubarsi und Hannah Weirich zauberten ein faszinierendes Klanggemälde hoch oben vom Block Z, so wie der Komponist es vorgesehen hatte. Ein wenig schade war es, dass im kostenlosen Programmzettel nichts über die Stücke zu lesen war.

Kleines Dirigentenschwätzchen am Rande

Deutlich irdischer wurde es dann mit dem berühmten langsamen Satz aus Mozarts A-Dur Klarinettenkonzert, vielen im Ohr aus dem Film „Jenseits von Afrika“. c, Soloklarinettist der Gürzenich-Musiker, rührte erneut zu Tränen, konnte man doch die herrlich singende, gefühlvolle Klarinette auch als Todesmelodie für die Kultur empfinden. Denn das Konzert selbst brachte nur 4000.- € ein, aber die parallele Spendenaktion erreicht dann doch inzwischen an die 15.000 €. Aber viel wichtiger dürfte der Effekt sein, dass die Kultur einen wesentlichen Teil des menschlichen Lebens darstellt. Sie macht das Leben reicher, sie muss unbedingt in den Köpfen der Menschen direkt hinter der Stirn verankert sein. Von daher gesehen war der Abend vor allem ein Konzert gegen das Vergessen, denn „nur zusammen sind wir stark“, wie Langevoort in seiner engagierten Conference ausführte.

Die Einsamkeit der Geigerinnen im Block Z, Sara Cubarsi und Hannah Weirich (Ensemble Musikfabrik)

FX Roth zelebrierte dann den letzten Satz von Beethovens Fünfter als klangmächtigen, faszinierenden Aufschrei gegen das Vergessen, gegen das pauschale Einstampfen von kulturellen Aktivitäten. Auch hier dürfte mancher Zuhörer ein wenig gegen die aufkommende Rührung kämpfen müssen oder gegen allzu heftiges Herzklopfen. Nach dem nicht einfach zugänglichen, aber faszinierend wiederum von Hannah Weinrich gespielten „Hauch“ für Violine solo von Rebecca Saunders, wurde es deutlich entspannter; Cristian Măcelaru sorgte mit dem „Divertissement“ von Jaques Ibert für einen furiosen Abschluss eines denkwürdigen Konzertes. Eine total verrückte Musik, mit eleganter, mitunter etwas glatt wirkender Virtuosität; eine typisch Pariser Komposition der 1920er Jahre: frech, frivol und “très française”. Mit skurril wirkenden Instrumenten wie Klavier, Celesta, Holzblock, Tamburin oder laut protestierender Trillerpfeife, mit Verballhornungen von Mendelssohn Bartholdys “Hochzeitsmarsch”, von Chopin´s Nocturne, von Spieldosenmusik, von der „schönen blauen Donau”. Und Cluster-Akkorde im Klavier nehmen die Musik-Avantgarde unüberhörbar auf die Schippe. Man hatte nicht Ohren genug, um alles zu enträtseln.

Das denkwürdige Konzert wurde trotz der tristen Stimmung jubelnd gefeiert, sicher auch in der vagen Hoffnung, dass ein solches Event nie mehr nötig sein wird. Es ist auch noch im Netz: http://www.philharmonie.tv/veranstaltung/75/?play=true.

Weitere Spenden an die Freie Szene sind sehr willkommen: Spendenkonto Köln, Kulturhilfe, IBAN DE 13 3705 0198 1955 3153 72.

 

 

 

 

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