Musik

Runde drei bei Wagers “Ring des Nibelungen” – prächtiger “Siegfried” in der Kinderoper

 

Von Michael Cramer

Fotos © Paul Leclair

Eine hübsche Idee, die Kids vor der Aufführung im Foyer des Staatenhauses kleine Holzschwerter verzieren zu lassen, ist doch diese Waffe ein Zentrum der Siegfried-Oper, hier von 4,5 Stunden auf ein Drittel eingekocht. Britta Gillessen, Chefin der Kinderoper und der Dirigent Rainer Mühlbach haben erneut das Kunststück fertig gebracht, auch den dritten Teil der Riesenoper kindgerecht gekürzt zu haben, zusammen mit Stefan Behrich als Arrangeur. Heftige „Schwertkämpfe“ wurden vor und nach der Aufführung von den jungen Opernbesuchern im weitläufigen Areal des Saal 3 ausgefochten; während der Aufführung „schwiegen“ jedoch die Waffen, denn dazu war es viel zu spannend. „Siegfried“ enthält ja nun auch viel mehr Aktionen als die beiden bisherigen Teile des gewaltigen Opus, welche die Neugier und Spannung bei den durchweg erstaunlich aufmerksamen Kindern aufrecht halten können. Zumal inzwischen auch die Übertitelanlage ertüchtigt wurde.

Ida (links) und Lotte, konzentriert mit den Schwertern beschäftigt

Die Bühne ähnelte der von Rheingold und Walküre, die Welt-Esche (Bühne und Kostüme wieder vom bewährten Christoph Cremer) steht immer noch an alter Stelle, ist jetzt aber Tummelplatz für die entzückende, quirlige Alina Wunderlin mit herrlichem Sopran und reizendem Kostüm als „Waldvogel“. Sie bewegt sich so leichtfüßig, dass man ihr fast das Fliegen zutrauen mag. Aber sie verrät immerhin dem Siegfried, dass sein Ziehvater Mime ihn töten will. Kleiner Hinweis an dieser Stelle: Sie ist nicht verwandt oder verschwägert mit Katherine Waldvogel, der Assistentin der Intendantin Dr. Birgit Meyer; Katherine kann nach eigenem Bekunden auch gar nicht opernmäßig singen. Das besagte Schwert, welches Papa Siegmund einst zerdeppert hatte, schleppt Mime (Paul McNamara, köstlich im Spiel und hervorragend gesungen) in einem Aktenkoffer an, nachdem er vorher ein Billig-Import-Exemplar mit bloßen Händen total verbogen hat. Siegfried, der echt locker drauf ist, die Kids in der ersten Reihe auch gerne mal jovial abklatscht und in die Runde fragt, wer denn „das Fürchten nicht gelernt hat“, zaubert heftig hämmernd das Schwert wieder heil, mit dem er dann zur Probe – nicht wie von Richard W. vorgesehen den Amboss zerdeppert- , sondern zum Entzücken des jugendlichen Publikums von einem vergammelten Dreirad, welches unter dem ganzen Pröll des Mime da rumsteht, den kompletten Lenker abschlägt. Eine Szene mit hohem Symbolcharakter – das Schwert vernichtet die Steuerungsfähigkeit. So selten war das nie in der Weltgeschichte.

Siegfried (links) Martin Koch und Mime

Vieles ist echt lustig, etwa wenn Siegfried auf einem Abfluss-Siphon schaurig zu blasen versucht und sich an die Musiker wendet: „Der Herr mit dem Horn dahinten kann das sicher besser“, oder seinen Ziehvater Mime nach der x-ten Schilderung seiner Historie stöhnend anbläst: „Ich kann das Gequatsche nicht mehr hören“. Kein Wunder, dass er ihn dann auch erschlägt, genauso wie den Ex-Fafner (Florian Körfler mit mächtiger Stimme) als Drachen: die Details der weiteren Handlung werden als bekannt vorausgesetzt: Siegfried zerbricht den Speer des Wanderers, befreit die Brünnhilde (mächtige Stimme: Jessica Stavros) aus ihrem Feuer-Gefängnis mit vielen Flammen unter den Rufen mancher Kinder „Ist das echt ?“ und empfindet dabei zum ersten Mal in seinem Leben Furcht. Eine Situation, die auch schon der große Loriot in seinem „Ring an einem Abend“ genüsslich ausgemalt hat, ein Werk, welche dem Wagner-Interessierten nur nachdrücklich empfohlen werden kann. Aber vielleicht auch den vielen Erwachsenen, die den „Kinder-Ring“ als willkommenes Update genießen.

 Mime links (Paul McNamara) und Insik Choi als Wanderer

Denn das konnte man in großem Maße. Alle wichtigen Fragen werden singend gestellt, die wesentlichen Leitmotive klingen aus dem reduzierten, aber dennoch mit vollem Wagner-Feeling aufspielenden Gürzenichorchester mit perfektem Bläsersatz und garantierter Gänsehaut, Dirigent Rainer Mühlbach, gleichzeitig musikalischer Leiter des Kölner Internationalen Opernstudios (aus dem diesmal nur der Waldvogel und der Drache stammen), schafft eine hervorragende Balance in dem ganzen Getümmel. Dazu wird auf der Bühne heftig und eindrucksvoll gefochten, angeleitet von Thomas Ziesch, der sich just im sehr sehenswerten „Hamlet“ bestens bewährt hat.

Florian Körfler in der Neidhöhle

Der bewährte Kölner Recke Martin Koch sang und spielte den Siegfried mit jugendlichem Elan, körperlicher Fitness und ebensolcher Stimme, Insik Choi, Spross des Opernstudios, ließ erneut sein salbungsvolles, herrlich klingendes Organ als Wanderer ertönen, Vinzeno Neri als Alberich, freischaffend vielfältig beschäftigt, hatte bereits in der Carmen sein Hausdebut; auch jetzt sang und spielte er rollengemäß hoch erfreulich. Mit dem „Siegfried“ ist der Oper Köln ein weiterer, hoch beachteter Wurf im „Ring des Nibelungen“ für Kinder gelungen, ein weltweit einmaliges Projekt; im kommenden Jahr schließt sich der Ring mit der „Götterdämmerung“, auf die man sich schon mal freuen darf. Natürlich wird immer wieder gefragt, ob dieser Stoff, wenn auch stark gekürzt, überhaupt kindgerecht dargeboten werden kann. Klare Aussage: Er kann. Ida und Lotte (12 und 10), die Kinderoper erfahrenen Enkelinnen des Rezensenten, haben ihrer Mutter zu Hause die gesamte Geschichte minutiös und tief beeindruckt wiedergegeben. Zumal sie nach der Premierenfeier auch noch in die Neidhöhle durften, das schaurig beleuchtete Drachenheim. Denn der Nachwuchs bekommt immer viel mehr mit als man sich das als Erwachsener so vorstellt. Vor allem bei hoher Qualität einer Aufführung, auch das spürt ein Kind.

Jessica Stavros (Walküre)

www.oper.koeln

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