Musik,  Rezensionen

Nonnenwerth – Vier Streicher auf einer Insel im Rhein im Rhein

 

Von Michael Cramer

Wenn ein junges, bereits international tätiges und vielfach prämiertes amerikanisches Streichquartett auf einer kleinen Insel im Rhein in einem mit 120 Zuhörern ausverkauften Saal auftritt, muss da schon etwas Besonderes dran sein. Nun, ist es auch. Die Rede ist hier vom Calidore String Quartett, und die Location ist das Kloster auf der Insel Nonnenwerth auf der Höhe des beschaulichen Röndorf, dem geliebten Wohnort von Konrad Adenauer. Er war es, der sich nach dem Krieg aus diesem Grunde für Bonn als Bundeshauptstadt stark gemacht hatte. Knapp 2 km lang und maximal 200 m breit beherbergte die nur über Wasser erreichbare Insel seit dem Jahr 1100 ein Benediktinerinnenkloster. Nach sehr wechselvoller Geschichte mit Feuersbrünsten, Zerstörung und barockem Wiederaufbau wurde die Anlage 1854 den Franziskanerinnen übergeben. Es folgte die Nutzung als Hotel – George Sand, Franz Liszt und Louis Spohr hatten sich hier aufgehalten, später dann als Kriegslazarett und Schule Die Nonnen betrieben hier zunächst ein Mädcheninternat, nachfolgend dann ein offenes, bis heute sehr gut besuchtes Gymnasium in Koedukation.

Eben diese Schule hatte Verena Sennekamp besucht. Sie war schon als Pennälerin auf das Cello gestoßen, hatte später u.a. bei Aldo Parisot an der Yale School of Music studiert und hier Estelle Choi kennengelernt, die Cellistin des besagten Calidore-Quartetts. So kam es, dass die Amerikaner anlässlich mehrerer Konzerte in Deutschland auch ein enAbstecher an den Rhein machen konnten. Denn die Nonnen hatte vor langer Zeit bei Verena, die zahlreiche Cello-Preise errungen hat und u.a. als Dozentin in Frankfurt tätig ist, angefragt, ob sie nicht mal etwas Musik im Kloster organisieren könnte. Gesagt, getan; Verena gründete mit einigen Freunden den gemeinnützigen Verein Inselkonzerte, der seit 2012/13 mehrere Konzerte pro Jahr im schönen barocken Kapitelsaal und in der Klosterkapelle veranstaltet, mit einem Förderverein im Hintergrund und vor ständig zunehmender Zuhörerschaft.

Beim jüngsten Konzert am 12. Mai 2017 war die Nachfrage so groß, dass sich die Musiker bereit erklärten, das Konzert – nein, nicht zu wiederholen, sondern am Vortag noch einmal zu spielen. Natürlich war das nicht wirklich eine Generalprobe; das Quartett, gegründet 2010, spielt regelmäßig auch in Europa und Asien, hat zahlreiche internationale Wettbewerbe -auch in Deutschland- gewonnen, so 2016 mit dem Eröffnungs-M-Preis den weltweit größten Preis für Kammermusik. Es tritt regelmäßig in berühmten Hallen wie Carnegie oder Wigmore auf und bei Festivals wie Verbier, Rheingau oder Mecklenburg-Vorpommern; im November 2017 wird es in der Kölner Philharmonie sein Debut gegen. Kritiker schreiben vom „Inbegriff von Vertrauen und Finesse“ oder dem „Wunder des vereinten Denkens“. Viele Vorschusslorbeeren, man durfte sehr gespannt sein.

Verena Sennekamp, auch die künstlerische Leiterin der Inselkonzerte, hatte zusammen mit den Musikern eine interessante Mischung aus der riesigen Streichquartett-Literatur zu einem sehr interessanten Thema erstellt: „Heimat in der Ferne“, sachkundig und sehr charmant erläutert von der Pressechefin Carolin Gstädtner. Sie fragte, ob man in Kompositionen Gefühlswelten erspüren könne, die von alter oder neuer Heimat, von der Sehnsucht nach Vertrautem oder Begeisterung für Neues geprägt sind. Als Beleg durfte Beethoven mit seiner ersten Quartettkomposition op. 18, Mendelssohn mit dem op. 44, Nr. 2 aus seiner mittleren Schaffensperiode und Dvorák mit seinem Spätwerk „Amerikanisches“ Streichquartett op. 96 antreten, ein wenig seiner berühmten 9. Sinfonie „Aus der neuen Welt“ nachempfunden und herauszuhören. Uneingeschränkt bewundernswert war die Präzision und unerbittliche Intensität der jungen Musiker, ihre Detailtreue, ihre Magie und ihr voller Klang, erstaunlich ihre fast unmerkliche Verständigung.

Beim Beethoven-Quartett konnte man etwas Wärme und Musikalität im Ausdruck vermissen, was aber, wie später im privaten Gespräch zu erfahren war, Absicht ist: „wir spielen es halt ein wenig anders als üblich“. Dennoch erklangen ausdrucksstarke Heiterkeit und Gelassenheit, abrupte Wechsel in Tempo und Farbe, hohe innere Spannung auch an den leisen und langsamen Stellen, und ein berückendes Versinken ins Nichts am Ende der gewaltigen Schlusscoda.

Dieser Eindruck legte sich rasch, als das zweite Mendelssohn-Quartett erklang. Vom Komponisten, ein glühender Verehrer von Mozart, als Geburtstagsgeschenk für seinen Bruder Paul geschrieben, empfand er es selbst als eher minderwertig nach seinem virtuosen Opus 44,1 und war erstaunt über die gute Resonanz beim Publikum. Im ersten Satz erkennt man das Thema seines Violinkonzertes, der Mittelteil ist ein Scherzo mit hoher spieltechnischer Anforderung, dem dann ein ruhiger Teil mit einer herrlich singenden Viola, mit dem Cello als markanter Nebenstimme, mit dauerhafter atemloser Spannung folgt.

Nach der Pause dann das berühmte amerikanische Quartett, oft gespielt, sicher nicht nur, weil es lediglich 25 Minuten dauert. Dvorák hatte es während seines Urlaubs als Direktor des Musikkonservatoriums in New York in Spyville geschrieben, inmitten tschechischstämmiger Bewohner. Es ist schlicht und einfach, hat eine außerordentliche Frische und ein Einprägsamkeit der Themen und sehr zur Popularität des Komponisten beigetragen. Dieser hatte versucht, die Musik der neuen Welt mit der seiner tschechischen Heimat zu verbinden, als Gruß aus Amerika in sein Geburtsland, voller Heimatliebe und Naturverbundenheit. Auch hier verblüffte das Quartett mit reinem Wohlklang, ohne sentimental zu werden, huldigte im Lento dem weiten Land, um dann mit einem furiosen tänzerischen Abschluss zu endigen. Für den überreichlichen, spontan stehenden Applaus gab es als Dank den 3. Satz aus op. 44 Nr. 1: schwelgerisch und besinnlich zugleich, gespielt von versonnen lächelnden, perfekt harmonisierenden jungen Musikern. Einfach toll.

Die Inselkonzerte aus Nonnenwerth sind ein gutes Beispiel für hochwertige Musik auch außerhalb einer großen Metropole wie Köln. Genannt seien hier zum Beispiel die Konzerte im Kloster Knechtsteden www.knechtsteden.com , die Brühler Schlosskonzerte www.schlosskonzerte.de oder die im Altenberger Dom http://altenberg-dommusik.de o. Auch die kleine Kirche in Honrath www.musik-honrath.de mit hervorragender Akustik schafft es seit über 30 Jahren, eine sehr qualifizierte Konzertreihe zu präsentieren. Die Betreiber haben es natürlich nicht ganz einfach gegen die große Konkurrenz, aber bei netter, persönlicher Atmosphäre und begeistertem Publikum kommen die großen Namen auch gerne mal in die Provinz.

Konzert am 12. Februq 2017

Fotos: Michael Cramer

 

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