Kalter weißer Mann- köstliche Gender-Parodie im Theater am Dom
Eine Trauerhalle, ein paar bunte Kirchenfenster, brennende Kerzen, eine schwarze Urne und ein großer Kranz zur Beisetzung von Gernot Steinfels, in hohem Alter verstorbener Patriarch einer mittelständigen Firma für Feinwäsche, dazu etwas Orgelmusik – das übliche halt. Einige Näherstehende in schwarz auf Stühlen im Halbkreis, dazu eine große Trauergesellschaft, nämlich das gesamte Theaterpublikum, welches auch mit einbezogen wird.
Schnell schält sich ein Problem heraus: Die Schleifen des Kranzes. Denn da steht: „In tiefer Trauer – Die Mitarbeiter“. Das geht heutzutage natürlich gar nicht, so Kevin (Eric Haarhaus), der Social-Media-Experte der Firma. Wieso eigentlich nicht „… und Mitarbeiterinnen.“? Oder Mitarbeiter_Innen bzw. Mitarbeiter*innen. Von Alina, der Marketing-Leiterin und Konkurrentin um den Chefposten, und der jungen, sehr fitten Praktikantin Kim (Hannah Marie Bahlo), die als Influencerin ihr Geld verdient, bekommt er lautstark Rückendeckung. Rasch entwickelt sich eine heftige Diskussion und ein wortgewaltiges Feuerwerk über Sprache, Macht und Identität– zum Unwillen von Horst Bohne (René Heinersdorff), einem langjährigen führenden Mitarbeiter und selbsternanntem Direktor in spe.
Der ist zwar originell und sehr schlagfertig, aber versteht nur Bahnhof, obwohl er über den Tod seines Chefs heilfroh ist. Denn der war keineswegs ein idealer Boss, sondern ein unsympathischer, narzisstischer, emotional kalter Machtmensch, der seine Position ausnützte, seine Launen an den Mitarbeitern ausließ. Und seinem Stellvertreter Bohne die Nachfolge versprach, ihn aber dafür 30 Jahre lang drangsalierte. Kein Wunder, dass Bohne vor der Trauerfeier pfeift: Ein Tag, so schön wie heute … Ein typischer kalter weißer Mann halt.
Die Gender-Debatte ist nur der Aufhänger für ein sich zunehmend verselbstständigendes Durcheinander, das immer absurder wird – und dabei umso wahrer. Insbesondere entfachen die frisch eingestellten Fotos der Trauerschleife einen Shitstorm in den sozialen Medien.
Und dann gibt es noch Rieke (Daniela Wutte), Sekretärin von Steinfels, die naiv, intellektuell überfordert und unfreiwillig hochkomisch dem Erkenntnisstand der Mitspieler hinterherhinkt. Und mal als Stimme der Vernunft einen Weg aus der Debattensackgasse eröffnet. Die mit ihrem Dazwischenreden nervt, aber auch viele Lacher provoziert.
Dazwischen der salbungsvolle, aber hilflos überforderte Pfarrer Koch (David Hober), der inmitten des Trauergemeinde-Chaos den Kreuzweg Jesu kaum zu rekonstruieren vermag. Er hält unserer Gegenwart, ihrer Selbstbezogenheit und Gottlosigkeit eine gewaltige Strafpredigt.
Das Team auf der Bühne spielt sich die Pointen mit hoher Treffsicherheit zu, man muss höllisch aufpassen, trotz Lachens alle Gags mitzubekommen. Jede Figur ist ein Typus, doch nie bloß Klischee. Gerade weil sie einander so wenig zuhören, wird das Stück zum Spiegelbild einer Gesellschaft, in der alle reden, aber kaum einer wirklich versteht.
Besonders besticht das knapp zweistündige Spiel mit Pausen und Blicken: Inmitten der schärfsten Dialoge entstehen immer wieder Momente der Stille, in denen das Publikum den Atem anhält – nur um im nächsten Moment erneut in befreiendes Gelächter auszubrechen
Überraschend: Die junge Praktikantin plädiert zum Schluss für Höflichkeit, gegenseitigen Respekt, dafür, sich mit mehr Menschlichkeit zu begegnen und Neues auszuprobieren, worauf die Sekretärin endlich singen darf: „All You Need is Love“; das Publikum klatscht fröhlich mit.
Das Autoren-Duo Jacobs/Netenjakob legt nach dem Theater-Hit „Extrawurst“ nun mit „Kalter weißer Mann“ erneut eine schnelle, sehr komische, hochaktuelle Komödie und grandios gespielte Komödie vor, in der sie sich einfach über das Gendern lustig machen. Und perfekt einstudiert von der bewährten Regisseurin Katarina Schmidt.
Fotos: jennifer∂zumbusch-fotografie.de
Rezension: Michael Cramer
Aufführungen noch bis zum 15.11.
Und danach: 27.11.2026 – 06.02.2027
SCHLAFLOS IN HAMM
mit ANJA KRUSE, JOACHIM NIMTZ, HELENA SIGAL, FELIX EVERDING
Komödie von Yael Hahn
Regie: Michael von Au; Bühne: Jan Hax Halama









