Musik

Interessante Mischung in Honrath: Beethoven, Pärt, Lieske

Die sog. „Kreutzer Sonate“ Nr. 9 A-Dur von 1803 ist ein virtuoses, aber sehr schwieriges Stück für Violine und Klavier von Ludwig van Beethoven. Sie ist ein Meilenstein der Kammermusik und dauert 40 Minuten; hier spielen die Violine und das Klavier gleichberechtigt. Gewidmet war es dem Geiger George Bridgetower, mit dem Beethoven aber Streit bekam; stattdessen wurde die Sonate nach dem französischen Geiger Rodolphe Kreutzer benannt. Dieser hielt sie allerdings für unspielbar und hat sie daher nie aufgeführt.

Im Konzert in der Honrather Kirche erklang das Stück in einer interessanten Variation, nämlich mit Cello. Der berühmte Pianist Carl Czerny, ein Beethoven-Schüler, hatte nur den Klavierpart etwas modifiziert, das Cello erklang natürlich eine Oktave tiefer. Aber sonst ist alles wie im Original.

Den Klavierpart spielte die entzückende, sehr charmante Italienerin Vittoria Quartararo Sie ist eine außerordentlich vielseitige Pianistin mit einem breiten Spektrum im klassischen Repertoire und zeitgenössischer Musik. Und spricht blendend Deutsch. Es war wunderschön zu beobachten, mit welcher Leichtigkeit und Sicherheit und hoher Musikalität die Sizilianerin ihren schwierigen Part absolvierte.

Ihr Duo Partner war der Spanier Roger Morello-Ros. Er ist bereits zweimal in Honrath aufgetreten: mit dem Gitarristen David Dyakov und mit seinem taiwanesischen Cello-Kollegen Edward Tzu-Shao. Morello-Ros spielt ein wunderbares Instrument von 1743, sanft und sehr ansprechend im Ton. Er ist ein international sehr stark beschäftigter Musiker, vielfach ausgezeichnet, ein Cellist mit einem unverwechselbaren Ton und einer beeindruckenden Farbpalette. Und stupender Technik. Er unterrichtet an mehreren Musikhochschulen, gib Meisterkurse und hat zahlreiche Alben vorgelegt.

Dem Schreiber dieses Berichtes gefällt die Cello-Version allerdings     deutlich besser als die mit Violine, sie ist dunkler und geheimnisvoller.  Aber das ist natürlich Geschmacksache, vielleicht vergleichbar mit Tenor und Bariton.

Musikalisch und technisch war das Stück allererste Sahne, hochspannend, perfekt im Spiel und Ausdruck; man kann es wohl derzeit nirgends besser hören.

Nicht im Programm, quasi als Überraschung erklang dann ein wunderschöner Kontrast zu Beethoven, mit Musik von Arvo Pärt. Der tiefreligiöse Komponist aus Estland, geb. 1935, ist ein Vertreter den „neuen Einfachheit“ und hatte zunächst im „Zwölftonsystem“ komponiert, dann aber nach einem Jahrzehnt mit „Tintinnabuli“ einen einzigartigen neuen Kompositionsstil entwickelt. Das Stück wurde 1978 als ästhetisches Wiegenlied komponiert, spirituelle Innigkeit zusammen mit mathematischer Klarheit. Man kann quasi in die Klänge eintauchen, in das wortlose Gebet, in die rhythmische Unbewegtheit. Hoch eindrucksvoll, langsam und mit großer Ruhe gespielt, vor sichtlich beeindruckten Zuhörern.

Wie angekündigt folgte dann als Welturaufführung die “Reflexio Kreutzer“, und das im kleinen Honrath. Der Komponist und Gitarrist Wulfin Lieske, der vor Jahren schon einmal in Honrath aufgetreten ist, war von dem Duett gefragt worden, ob er nicht ein Stück über die Kreutzersonate schreiben könnte. Trotz großer Ehrfurcht und Bewunderung gegenüber Beethoven hat sich Lieske bereiterklärt; er schuf nach eigenen Worten quasi ein Gespräch mit Beethoven, um sich sozusagen unter Komponisten austauschen. Als eine neue „Quasi una (Kreutzer-) Sonata“ reflektiert das dreisätzige Stück das berühmten Meisterwerk aus seiner heutigen Perspektive.

Lieske hat einige spezielle Stellen in dessen Stück herausgepickt, die er besonders interessant und prägnant fand; er hat dann sozusagen wie mit Bauklötzchen ein eigenes Werk entwickelt. Aber Beethoven schimmert immer wieder aus einer tieferen Schicht durch. Im ersten Satz ist die Power von Beethoven vorhanden; im zweiten ruhigen Satz liegen quasi Beethovens Thema und Teile aus den Variationen, wie in einem Mosaik, in einer tieferen Schicht zugrunde. Der letzte Satz ist ebenfalls sehr schnell, Lieske hat hier ein großes Feuer angezündet, mit weiteren Ideen. Ein durchaus fulminanter Höhepunkt, der mit großem Applaus bedacht wurde.

Die beiden Musiker hatten es nach eigenen Angaben schwer, den richtigen Bezug zu dem Stück zu finden. „Es müsse nicht seriös genommen werden, soll eher zur Unterhaltung und zum Lachen anregen. Man könne das Stück auch als Kritik am Musikkonsum sehen: brutal und ganz ohne Zierde und voller Sarkasmus“.

Das Stück kommt an das Original nicht ran, es wirkt zerrissen und unruhig, es ist sehr anstrengend zu hören. Aber ist trotzdem eine interessante musikalische Bereicherung.

Zum versöhnlichen Abschluss gab es nach gut 2 Stunden noch etwas Kurzes zum Goutieren: Schumann´s Träumerei. Einfach toll.

Text und Fotos: ©M. Cramer

www.de.vittoriaquartararo.com.

https://de.roger-morello-ros.com

https://www.youtube.com/watch?v=TlTy48e-puU&list=RDTlTy48e-puU&start_radio=1

https://www.kulturcram.de/2024/03/gitarre-und-cello-fast-eine-urauffuehrung-im-kleinen-honrath

www.kulturcram.de/2022/06/40-jahre-und-kein-bisschen-leise

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