Tancredi- ein Knüller zum Ende vom Staatenhaus ?
Es ist eigentlich eine hübsche Idee, zum finalen Abschluss der Oper im Staatenhaus einen „Rossini“ zu spielen; da denkt jeder Opernkundige an mitreißende Musik, viele Ohrwürmer zum Mitsingen und einen originellen und witzigen Plot. Nur – wer kennt schon Rossinis „Tancredi“ ? Die Oper ist ein Frühwerk der 21-jährigen Meisters (Uraufführung 6. Februar 1813 im Teatro La Fenice in Venedig). Er wollte unbedingt eine Opera Seria schreiben, um seinen musikalischen Durchbruch zu forcieren – was bekannterweise auch vorzüglich geklappt hatte. Heraus gekommen ist eine absurde und verwinkelte Geschichte um zwei verfeindete Familien; in einer ersten Fassung mit Happy End, in einer zweiten Fassung geht die Geschichte dann doch tragisch aus.
Diese Inszenierung war 2024 bei den Bregenzer Festspielen 2024 aufgeführt worden und von der Kölner Oper einschließlich des starken Bühnenbildes von Ben Baur gekauft worden. Er ist ein sehr viel beschäftigter Regisseur und Ausstatter und arbeitet oft mit Jan Philipp Gloger zusammen, Chef des Volkstheaters Wien, der die Regie von Tancredi übernommen hatte. Gloger hatte zuletzt den Maskenball in Köln inszeniert. Ein interessantes Team, sollte man meinen.
Die arg sperrige Geschichte über geheime Liebe, einen anderen Bräutigam, über Hochverrat und ein Todesurteil sei hier nicht näher ausgebreitet. Der Regisseur macht daraus einen Opernthriller in der Mafia-Szene, die Protagonisten, szenegerecht von Justina Klimczyk eingekleidet, fuchteln ständig mit Pistolen herum und prügeln sich gegenseitig ganz gehörig. Gut trainiert in der Mucki-Bude und unterstützt mit reichlich Kokain-Tütchen. Originell inszeniert mit den präzise singenden Herren des Opernchores und einer siebenköpfigen Stunt Factory, einstudiert von dem Kampfchoreografen Ran Arthur Braun. Der ist für solche Szenen europaweit gefragt, und hat perfekt für Staunen und Lachen gesorgt. Tenor der Pausengespräche: „Das war das Beste bisher, aber insgesamt nur so lala“. Aber das sollt nach der Pause viel spannender werden.
Gloger hat den beiden Hauptpersonen Tancredi – hier als Hosenrolle, gesungen von der fantastischen Adriana Bastidas-Gamboa – und ihrer Freundin Amedaide ein lesbisches Verhältnis angedichtet, die um ihre Liebe und Selbstbestimmung kämpfen, die aber in dieser Macho- und Clan-Welt keine Chance haben. In der Originalversion ist Tancredi allerdings ein Hetero. Und das alles in dem unglaublichen Bühnenbild von Ben Baur. Er hat ein marodes, südländisches Haus konstruiert, welches sich ganz langsam dreht und, passend zum perfekten Dirigat von George Petrou, selbst am Cembalo, die Geschichte vielfältig erzählt und erläutert. Eine 50-er Jahre-Küche, eine gekachelte Folterkammer mit Blutspritzern, ein alter Palast mit vielen Säulen und verwunschenen Winkeln. Allein deswegen lohnt der Besuch.
Aber noch mehr lohnt es, um die beiden Haupt-Sängerinnen zu erleben. Adriana Bastidas-Gamboa mit ihrem fülligen, wunderbar samtigen Mezzo, in vielen Kölner Produktionen hoch gelobt und geschätzt, ist der Kontrast zur Sopranistin Guiliana Gianfaldoni. Sie singt, international stark beschäftigt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zum ersten Male in der Oper Köln. Eine unglaublich zarte Stimme, zum Niederknien schön, in traumhaften Duetten mit Adriana; man kann sich kaum entscheiden, wer die Palme des Abends verdient. Nahezu göttlich ist ihr großes Liebesduett „L´ura che interno spiri“, und natürlich der Ohrwurm „Di palpiti“, mit dem Adriana brillierte. Alles mit dem perfekt einstudierten Gürzenichorchester.
Dazu Dmitry Ivanchey, ein gestandener Tenor aus dem Ensemble, erfreut mit herrlichen, lockeren Höhen. Gabriele Sagona glänzte als Drogenboss mit fülligem Bass, für die vorzügliche Johanna Thomsen als Isaura (aus dem Opernstudio) hatte Rossini eine kleine Solonummer komponiert. Wesley Harrison als Roggiero ergänzte die Sängerriege ganz vorzüglich. Die blutige Schlussszene zieht sich sehr und dürfte für Opernneulinge etwas befremdlich sein.
Tipp: Die Vorstellung unbedingt besuchen (es gibt noch Tickets), zumal nach der letzten Aufführung am Sonntag, dem 5. Juni (bereits um 19:00) eine Abschiedsfeier vom Staatenhaus geplant ist. Das hat das historische Gebäude auch verdient, bevor es zum alltäglichen Musiktheater umgebaut wird.
Fotos: © Matthias Jung
Bericht von Michael Cramer
Premiere am 21. Juni 2026








