Entwidmung oder END-Widmung ? Die Lutherkirche nach über einem Jahrhundert.

Wie geht es einem gläubigen Christen wohl, wenn „seine“ Kirche auf einmal nicht mehr existiert ? Wo er jahrelang gebetet hat, zum Abendmahl gegangen ist, vielleicht seine Kinder hat taufen lassen, seine Eltern hat begraben lassen. Und häufig in Konzerten applaudiert hat.
Genau das passierte mit der Lutherkirche in der Südstadt Kölns, nach 122 Jahren nach Grundsteinlegung und 62 Jahren nach dem Wiederaufbau. Und das trotz heftiger Gegendemonstrationen bis unmittelbar vor der Entwidmung.
Schließlich zogen dann doch die Argumente der Befürworter: Rapider Rückgang von Mitgliedern und Besuchern, damit der Zusammenbruch der Finanzierung, die vorgeschriebene, kaum zu erreichende Klima-Neutralität, die vielfältige Baufälligkeit- es ging einfach nicht mehr. Selbst für die Nutzung der Kirche für Konzerte sind strenge Auflagen zu bewältigen.

Dazu kam die Nähe von drei florierenden evangelischen Gemeinden, bei den die verwaisten Gläubigen „unterkommen“ können.
Die Südstadtpfarrer und Pfarrerinnen Markus Herzberger, Mathias Bonhoeffer, Nicola Thomas-Landgrebe, Christoph Rollbühler, zusammen mit den Prädikantinnen Almuth Löber und Alida Pisu, fassten einen gemeinsamen Beschluss zum Termin und zum Ablauf: Am 18. Juli 2026 sollte endgültig Schluss sein; mit einem feierlichen Gottesdienst und der Entfernung der „Prinzipalstücke“, der wichtigsten und vornehmsten Einrichtungsstücke einer Kirche für den Gottesdienst. Eine „Tagesordnung“ auf festem Papier für alle mit dem Ablauf und allen Texten wurde gedruckt, wohl auch als Andenken gedacht.
Das Gotteshaus war lange vor dem Beginn unerwartet übervoll, und wohl wie selten zuvor. Zusätzliche Stühle wurden herangeschafft und für das Abendmahl etliche zusätzliche Brotscheiben geteilt.
In der Kirche waren mehrere lange Leitern aufgestellt, eine Kunst-Installation von Rochus Aust; man dachte gleich an die „Himmelsleiter“ am Gebäude vom Kölner „Domforum“ oder an der Lambertikirche in Münster. Diese Leitern sind ein Symbol für die Annäherung des Menschen an Gott.
Erklärt wurden die Leitern allerdings nicht, auch nicht die ohrenbetäubende Aktion, wo schwarz gekleidete Menschen mit Bohrhämmern offensichtlich den Fußboden aufschlugen. Das Rätsel löst sich allerdings, als alle Besucher eine Tüte mit Steinbrocken vom Grundstein mitbekamen; sozusagen als Erinnerung an ihre frühere religiöse Heimat. Eine sehr hübsche Idee. Von einem der Pfarrer war allerdings zu erfahren, dass diese Aktion sich um die Predigt über „Jakobs Traum“ beziehen sollte. Ist aber auch egal.
Dem Glockengeläut folgend (zum letzten Mal?) sang der Südstadtchor aus „The Lion King“, Auch der Lutherchor sang mehrfach. Pfarrer Markus Herzberg begrüßte die „Trauergemeinde“ sehr eindrucksvoll, die gemeinsam den Psalm 146 deklamieren sollten über das Vertrauen zu Gott.
Zentraler Teil war dann die eigentliche Entwidmung, wo alle gemeinsam ehrfürchtig und ernst sagten „Wir sprechen es aus: Diese Kirche ist nun nicht mehr dem Gottesdienst gewidmet“. Und: “Das Fundament unserer Gemeinde reicht tiefer als die Grundmauern dieser Kirche“. Ein sehr beklemmender Moment.
Zur Austeilung von Brot und Wein bildeten die Gläubigen dann einen großen Kreis um den Altar und fassten sich an den Händen, ein schönes Symbol für den Zusammenhalt, der auch nach der Entwidmung bleiben soll.


Noch intensiver wurde es, als die Kerzen gelöscht und die Prinzipalstücke (Altarkreuz, Bibel, Taufkerze und Taufschale) in große Tücher verpackt durch den Mittelgang wie in einer Prozession in einer banalen Umzugskiste gelagert wurde. Die schwarz gekleideten Träger erinnerten fatal an eine Beerdigung. Offen, wie lange die Teile dort bleiben würden und wohin ihre Reise wohl gehen würde.
Wer wollte, konnte noch einen Abschiedsgruß oder ein Gebet auf dem Altar hinterlassen.

Und dann war nach mehr als einem Jahrhundert auf einmal Schluss mit der Lutherkirche in der Kölner Südstadt. Aber wie es sich für eine ordentliche Beerdigung gehört, wurde anschließend im lauschigen Innenhof bei Kaffee und Kuchen noch „das Fell versoffen“. Da wurde die Stimmung fast fröhlich.
Text: MIchael Cramer
Danke für die Fotos © Mike Siegenbruck









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