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Martin Walser – der Dichter-Titan im Kölner “Zentrum Lied”

Die schöne Magelone und der Ritter Peter

 

„Im Zentrum Lied“ mit Andreas Durban (Erzähler), Fabian Hemmelmann (Bariton), Andreas Frese (Klavier) und Martin Walser (Rezitation)

20. Januar 2016, Fritz-Thyssen-Stiftung Köln

Text und Fotos: Michael Cramer

Es ist schon ein berückendes Erlebnis, einen großen deutschen Schriftsteller, den Doyen seiner Zunft, hautnah erleben zu dürfen. Die Rede ist vom vielfach gelesenen und mit zahlreichen Preisen ausgezeichneten Martin Walser, welcher mit 88 Jahren soeben seinen neuen Roman „Ein sterbender Mann“ veröffentlich hat. Nach Köln gelockt hatte ihn die Sängerin Ingrid Schmidthüsen, künstlerische Leiterin und Motor der von ihr vor neun Jahren initiierte Konzertreihe „Im Zentrum Lied“; früher angesiedelt im „Belgischen Haus“ und nach dessen Schließung nunmehr im großen Saal der „Fritz-Thyssen-Stiftung“, dem ehemaligen Amerikahaus im Schatten der ehrwürdigen romanischen Apostelkirche.

Geboten wurde eine literarisch-musikalische hochdelikate Zusammenstellung. Der vielfältig tätige Berliner Dichter, Herausgeber und Literat Johann Ludwig Tiek (1773-1853) hatte 1797 die „Liebesgeschichte der schönen Magelone und des Grafen Peter von Provence“ herausgebracht; eine romantische, etwas schwülstige Rittergeschichte, der auf einem volkstümlichen französischen Roman aus dem 15. Jahrhundert fußt. Darin wird die Liebe des Ritters Peter zu Magelone, Tochter des Königs von Neapel, in Gedichtform blumigst erzählt. Held und Heldin (so muss es ja heute heißen) sind stramm verliebt und müssen alle möglichen Klippen überwinden, um endlich heiraten zu können. Um die etwas dürre Geschichte besser verstehen zu können, hatte Tiek zusätzlich eine Art Zwischentexte als Verbindung der einzelnen Gedichte verfasst. Nun sind diese sprachlich schon etwas sehr mühsam, helfen allerdings, die Geschichte zu verstehen.

Dem Romantiker Johannes Brahms lag es offensichtlich am Herzen, diese Gedichte zu vertonen; so entstand der Liederzyklus „Die schöne Magelone“. Die Anzahl der Aufführungen blieb über die Jahre allerdings sehr überschaubar, nicht zuletzt aus sprachlichen Gründen. Der Literaturwissenschaftler Dieter Borchmeyer, Fachmann für das Werk von Martin Walser, brachte diesen mit dem Sänger Christian Gerhaber, Musikprofessor in München und examinierter Arzt, zusammen. Der wollte immer schon mal die „Magelone“ singen, was aber am schrecklich antiquierten Text scheiterte. Also bot der Schriftsteller an, diesen Text von Grund auf zu überholen und zu modernisieren, allerdings unter Belassung der typischen sprachlichen Merkmale, vergleichbar mit einer renovierten Villa, die aber immer noch den Geist ihrer Entstehungszeit atmet. Und diesen Text auch noch im Konzert selbst zu lesen – welch eine Freude!

Auch in Köln stand Walser ebenfalls auf dem Podium, wenngleich er sich aus Altersgründen zwischendurch hinsetzen durfte. Gerhaber stand nicht zur Verfügung, stattdessen sang der sehr angenehm klingende Fabian Hemmelmann, eingebunden in die künstlerische Leitung der Konzertreihe und ausgebildet bei Thomas Quasthoff und Klesie Kelly. Er wurde am Klavier begleitet von seinem Jugendfreund Andreas Frese, der kurzfristig für die erkrankte Kölner Pianistin Lara Jones eingesprungen war. Der letzte im „Eintopf Tiek-Brahms-Walser-Hemmelmann-Frese“ war der Schauspieler und Lehrer an der Musikhochschule in Köln Andreas Durban. Es war sein zweiter Auftritt in der Nachfolge des verstorbenen Hans Winking als traditionelle „Erzähler“ in diesem Rahmen, aber was für einer ! Durban rezitierte einen eigenen Text über alle möglichen Ritter und Rittergeschichten, über Minne, Rösser und Waffen, über König Artus, Götz von Berlichingen bis hin zum Parzival. Seine geschliffene Sprache, die Originalität und sein fein-humoriger Vortrag waren blendend geeignet, um auf das nachfolgende Werk einzustimmen. „Achtung Rittergeschichten – ich hatte Sie ja vorher gewarnt !“

Martin Walser erzählte dann die Geschichte vom jungen Ritter Peter, hoch erfolgreich in zahlreichen Turnieren, der mit seiner angebeteten Magelone durchbrennt, allerdings nicht sehr erfolgreich; er wird auf dem Mittelmeer entführt und kommt in die Hände eine heidnischen Sultans, dem er erst nach langen Jahren entkommen kann. Zurück bei Magelone merkt er, dass sie ihm offensichtlich treu geblieben ist: eine durchaus interessante Fragestellung.

Es war die pure Lust, Walser beim Rezitieren sehen und hören zu können, zumal das kleine Amélie-Thyssen-Auditorium nur etwa 140 Plätze hat – die natürlich alle belegt waren. Walser sprach vergleichsweise bedachtsam, aber mit blitzendem Augenzwinkern und erheblichem Schalk im Nacken. Und ließ Zeit zum Zuhören, Aufnehmen und Nachdenken. Man versank nach kurzer Zeit förmlich in die Geschichte, in die Nöte der Liebenden, ihren Schmerz über die Trennung und die Freude des Wiedersehens.

Dazu trug auch der Bariton Fabian Hemmelmann maßgeblich bei, der immer wieder von Walser angestupst wurde :“Und er sang …. “. Wenngleich man sich von ihm gelegentlich etwas mehr Empathie, Dynamik und Engagement in seiner vorzüglichen und sprachlich sehr gut verständlichen Stimme vorstellen konnte. Andreas Frese hatte seinen schwierigen Klavierpart sicher im Griff, er begleitete subtil und verständnisvoll, sängergerecht und mit fabelhaftem Anschlag.

Martin Walser „Im Zentrum Lied“ – das war sicher ein Highlight in der Geschichte dieses kleinen und feinen Vereins. Das Publikum wusste dies nach langer Pause des Versenkens mit einem riesigen Beifallssturm zu würdigen. Und Glück hatte, wer noch beim anschließenden Restaurantbesuch dabei sein durfte; Walser parlierte munter weiter und hielt bis spät in die Nacht locker durch.

Text und Fotos: Michael Cramer

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