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Viele Punkt über allem – Yayoi Kusama im Museum Ludwig

 

Text von Michael Cramer

Es ist immer wieder erstaunlich, in welch hohem Alter etliche Künstler immer noch hohe Leistungen erbringen. Manche Dirigenten wie Herbert von Karajan, Georg Solti, Herbert Blomstedt oder Zubin Mehta haben noch als „Greise“ am Pult gestanden. Auch die schreibenden Kollegen wie Johann Wolfgang von Goethe, Ernst Jünger, Hermann Hesse oder Astrid Lindgren sind als Autoren uralt geworden. Unter den Malern ist es ähnlich, siehe Pablo Picasso, Claude Monet, Marc Chagall oder Michelangelo. Ähnlich ergeht es der Japanerin Yayoi Kusama, die mit 96 Jahren immer noch täglich ihr eigenes Studio nutzt und „weithin Kunstwerke schaffen will, solange ihre Leidenschaft brennt“. Für sie hat das Kölner „Museum Ludwig“ zu seinem 50. Geburtstag eine große Retrospektive mit über 300 Werken eingerichtet, eine riesige logistische Herausforderung. Zumal die Künstlerin ihren letzten Wohnort Tokyo nicht verlassen hat und nicht beratend helfen konnte. Aber die Einrichtung einer so umfangreichen Ausstellung geht mit moderner Kommunikation auch aus der Ferne, wie der Kurator Stephan Diederich bei der Pressekonferenz am 12. März 2026 erläuterte.

Schnappschuss von der Pressekonferenz. v.l. Stefan Charles, Tako Fujibayshi (Kusama-Museum), eine Dolmetscherin, Anne Niermann (Presse), Stephan Diederich (Kurator)

Allerdings verläuft die Vita von Yayoi nicht unbedingt gradlinig; sie floh aus dem wohlhabenden, aber problematischen Elternhaus und weg von den Konventionen, wo ihre Mutter sie vom Malen abhalten und Ehen mit fremden Männern zu arrangieren versuchte. Auch ihr Vater hatte wohl ständig Freundinnen; auf Geheiß ihrer Mutter sollte sie ihn sogar bespitzeln. Aus dieser Zeit stammt ihre Aversion gegen Sex. Ihre seit der Kindheit auftretenden Halluzinationen versuchte sie zu unterdrücken, indem sie diese zeichnete. Ihre Kunst fand rasch Anerkennung, lokale Ausstellungen folgten, ihr Psychiater ermutigte sie, sich vom Elternhaus zu lösen.

       

1958 ging sie dann nach New York und traf dort auf die Künstlerkollegin Georgia O´Keeffe, einer berühmten Vorbotin der Pop-Art. Diese half ihr, in der Avantgarde Fuß zu fassen. Yayoi schuf unablässig ihre Kunst mit monochromen Netzmustern, den Infinity Nets; damit erregte sie rasch Aufsehen. Später folgten ihre meist phallusförmigen Stoffskulpturen; damit hat auch sie die Pop-Art maßgeblich vorangetrieben. Wenn auch unter wirtschaftlich sehr schwierigen Bedingungen, woraus sogar ein Selbstmordversuch resultierte.

Die vielfältigen Phalli sind ein Motiv, wodurch sie ihre Angst vor dem „Sex als etwas Schmutzigem“ unterdrücken will. Tatsächlich hat sie wohl zölibatär gelebt, trotz vieler Sexorgien, Happenings und Body Paintings. Aber da hat sie nie aktiv mitgemacht, sondern sich mit homosexuellen Männern umgeben, sozusagen als Schutzschild. Hat aber ihre psychische Erkrankung nie verschwiegen, denn diese ist Ausdruck ihres Lebens, ebenso wie ihre sehr vielfältigen Kunstwerke dies ausdrücken.

Foto: © Kusama-Museum Tokyo

Sie engagierte sich auch bei zahlreichen Events in der Hippiebewegung, bei Anti-Kriegs-Demos, zu sexueller Freizügigkeit. Schuf eigene Kleidung mit großen Löchern an kritischen Körperstellen und verkaufte diese in ihrer Modeboutique. Und dann kommen die extrem zahlreichen Punkte, die sie überall anbringt, auf zahlreichen Kürbissen, auch in einem mit Schwarzlicht beleuchteten Wohnraum. Dazu immer viele Blüten und Blumen; ihre Eltern besaßen eine Samenhandlung.

 

Foto: © Yayoi Kusama bei der Arbeit, Courtesey of Ota Fine Arts,David Zwirner

 

 

 

Ihre Kunst erzielte inzwischen schwindelnde Preise, ihre Ausstellungen waren immer sofort ausverkauft. Ihre jugendlichen Arbeiten hat sie allerdings früh verbrannt aus Sorge, dass ihre ungeliebte  Mutter mit diesen Werken ob ihres frühen Ruhmes einen großen Reibach machen könnte.

Ein Besucher Ton-in-Ton mit den Kürbissen

1973 kehrte sie, jetzt sehr wohlhabend, zurück nach Japan, und beschloss nach dem Tod ihres Künstlerfreundes Joseph Cornell und ihres Vaters, in einer psychiatrischen Klinik in Tokyo zu leben, um ihre Halluzinationen und Depressionen behandeln zu lassen; dazu gab es ein angeschlossenes Atelier für kleinere Werke, für das Schreiben von Romanen und Kurzgeschichten. Als künstlerischen Höhepunkt wurde sie 1993 zur Biennale eingeladen, für sie „der beste Moment ihres Lebens“

 

Yayoi Kusama hat wohl ihr ganzes langes Leben unablässig Kunst produziert, in Tokyo gibt es gar ein eigenes Museum. Nach ihren Angaben hat sie den größten Teil ihrer frühen Werke verbrannt, da diese für sie nicht mehr zeitgemäß waren. Aber aus dieser Zeit gibt es immer noch viel zu entdecken; ihre früheste Zeichnung stammt von 1934.

Bombastisch ist – neben ihrer roten Haarpracht – der größte Raum im Ludwig- Museum; hier steht in einem riesigen Labyrinth von Schlangen der innen verspiegelte „infinity-room“. Auf dem Museumsdach gibt es auch einen kleineren Raum, gleich neben drei schweren bronzenen bunt bemalten Blumen. Ein toller Anblick vor dem Kölner Dom.

Yayoi Kusama ist die bekannteste japanische Pop-Art-Künstlerin, die viele Maler weltweit inspiriert hat und deren Werke sehr oft verbreitet wurden, vor allem bei Instagram, TicToc etc.  Mit einer geschundenen und wunden Seele, aber mit spätem Ruhm. Und jetzt halt im Kölner Museum Ludwig. Schon etwas sehr Besonderes.

Hier noch ein sehr schöner Beitrag vom „Bücheratlas“ der früheren Redakteure des Kölner Stadtanzeiger Martin Oehlen und Petra Pluwatsch: https://buecheratlas.com/2026/04/05/ostergruesse-vom-buecheratlas-zur-feier-des-festes-legen-wir-einige-punkte-und-wuensche-von-yayoi-kusama-ins-nest/

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir kommen wohl mehrmals wieder !

 

 

Das Museum Ludwig  ist von Di – So von 10:00 bis 18:00 geöffnet. Freitag bis Sonntag ist die Kusama-Ausstellung bis 20:00 geöffnet.

Eintrittskarten gibt es ausschließlich mit einem gebuchten Zeitfenster. https://www.museum-ludwig.de/de/

Der Andrang ist sehr hoch, aktuell sind alle Termine 3 Wochen ausgebucht.

Bei der immensen Fülle von Werken und Eindrücken empfiehlt sich ein mehrfacher Besuch.

Fotos: Michael Cramer (bis auf die beiden Fotos von Yahoi Kusama)

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