Musik

Gewaltiges Chorwerk im Bergischen Dom: Verdi´s “Messa da Requiem”

Eigentlich eine ziemlich religiöse Oper

 

Text und Fotos:  Michael Cramer

 

Mächtig dicke Pauken und mächtig viele Chorsänger*innen

„Libera me“ – befreie mich! Sonja Maria Westermann haucht diese Worte fast verzweifelt und hoffnungslos. Die Sängerin, welche die Sopran-Solopartie im Requiem von Giuseppe Verdi für die erkrankte Inga-Berit Andersson übernommen hatte, ist im berühmten letzten Teil des Stückes fast über sich selbst hinausgewachsen. „Libera me“, echot der Chor leise. Dann Stille in der gotischen Kathedrale. Das war aber dann auch eine der wenigen leisen Momente in diesem gewaltigen Werk, denn im Dom erklangen 170 Sänger (Domkantorei Altenberg, Konzertchor Düsseldorf, Universitätschor Köln und Kammerchor des Kölner Männergesangvereins), begleitet von den ca. 90 Musikern der Bayer Philharmoniker unter Bernhard Steiner. Der schaffte es, mit eindrucksvoller Stabführung und viel Fingerspitzengefühl die dem  Werk inne liegende Spannung bruchlos über allen psalmodierenden, solistischen und chorischen Sprechgesang aufrecht zu halten, über die großen Fugen und die vielfältigen Soli.

Der Dom war nie so voll“, wie Jürgen Gnest, Chef des Vereins „Altenberger Kultursommer“ zuvor ein wenig stolz konstatierte, zumal die Kirche völlig ausverkauft war. Nach Rossini “Petite Messe Solenelle” eine Woche zuvor ein erneutes Highlight sakraler opulenter Chormusik. Erfreulich ist es, daß in Zukunft die Konzerte der katholischen und protestantischen Gemeinde zusammengelegt werden.

Verdi hatte diese Totenmesse für sein Idol, den Dichter Alessandro Manzoni komponiert, nachdem sein Projekt für den zuvor verstorbenen Rossini – alle Komponisten Italiens sollten je ein Stück des Requiems schreiben – niemals aufgeführt wurde. Verdi schuf damit ein ganz großes Werk der Musikliteratur, nach dem originalen katholischen Ritus, aber eben aus der Feder eines der größten Opernkomponisten. Und der konnte halt nur Oper, wie er in seinen berühmten 26 Werken bewiesen hatte, darunter Dauerbrenner wie Aida oder Traviata. Kein Wunder, dass das Stück als seine 27. oder gar als seine beste Oper bezeichnet wird.

Sonja Maria Westermann, Monica Mascus

Das Requiem besitzt ein riesiges Spektrum klanglicher Möglichkeiten, vom Kyrie in pianissimo bis zur ohrenbetäubenden Apokalypse im „Dies Irae“, dem Schrecken der Hölle für den auf Erden sündigen Menschen; man denkt gleich an Michelangelo´s „Jüngstes Gericht“ in der Sixtinischen Kapelle. Entsprechend ergriffen schienen auch die Zuhörer zu sein. Die Bayer Philharmoniker, hervorragende, sehr aufmerksame Freizeitmusiker, standen einem Profi-Orchester kaum nach: wunderbar einheitlicher Streicherklang, peitschende Bläserkaskaden, präzise Einsätze, zart-lyrische Stellen neben dramatischen Eruptionen, vieles davon ging ins Herz und unter die Haut. Dazu passten auch die Sänger: Sonja Maria Westermann mit ihrem lyrisch-dramatischen Sopran und dennoch samtener Höhe, erstaunlich mit dem hohen B im „Libera me“. Dazu der warme, weiche Mezzo von Monica Mascus; im „Liber Scriptus“ scheint sie quasi über allem zu schweben; ihr gebührte klar die Sängerpalme des Abends. Zum Schwärmen und zum Verinnerlichen auch ihr Duett mit dem Sopran in „Recordare“ und „Agnus Dei“.

Starke Männerstimmen-Fraktion in den Chören

Überwältigend mächtig klang der profunde Bass von Thomas Bonni, man erschrak beinahe bei seinem „Mors stupebit“; er beeindruckt ganz besonders mit seiner Soloarie „Confutatis“. Die Tenorstimme von Pablo Karamani fiel gegenüber den Kollegen leider etwas ab. Zwar sehr sauber klang sie angestrengt, man vermisste eine freie lockere Höhe, etwas tenoralen Glanz und auch Dynamik, um sich gegen Orchester und Sängerkollegen behaupten  zu können. Beschwörend, fast zärtlich, zum Schluss dann der Chor: „Requiem aeternam dona eis, Domine!“ „Ewige Ruhe gib ihnen, o Herr.“ Und umso jubelnder dann der Applaus für ein rundum großartiges, tief beeindruckendes Musikerlebnis.

Glücklich über den jubelnden Applaus, Pablo Karaman, Thomas Bonni (rechts)

Im Kölner Stadtanzeiger (Bergische Landeszeitung) vom 9.7.2019:

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