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Huch – Gerhard Bauer, der Kritiker

Leben und Lieben eines Wiener Journalisten in Köln

 

Text und Fotos von Michael Cramer

Die Weissagung seines Vaters, Geigenlehrer in Wien mit zahlreichen Schülern, dass klein Gerhard einstens als Musikkritiker sein Brot verdienen würde, hat der Autor auf 175 Seiten Autobiografie nicht verraten. Wohl aber bei der Veranstaltung im Hause des Rezensenten (siehe Seite 81); da berichtete er freimütig von seiner Fähigkeit schon als Kind, die einzelnen Schüler auch bei geschlossener Türe an ihrem Spiel identifizieren zu können. Und dies dürfte sich ob der unübersehbaren Fülle von Namen, Musik-Events und Orten in seinem Buch über ein ganzes Kritikerleben erhalten haben.

Mit 78 Jahren hat Bauer ein Buch über sein musikalisches Dasein vorgelegt: „Leben und Lieben eines Wiener Journalisten in Köln“. Ein eher unscheinbares Bändchen, nur gering bebildert, aber für Kulturliebhaber mit Schwerpunkt Kölner Raum und auch Wien, für Fans klassischer Musik und Oper, mit fast unendlich vielen Details über frühere und derzeitige Musiker und Sänger, über politische Querelen rund um den Kulturbetrieb. Und alles nur aus dem Kopf heraus, ganz ohne Tagebuch, wie der Autor im Gespräch versicherte. Als Nachschlagewerk wäre es noch interessanter, wenn es denn ein Personen- und Stichwortverzeichnis hätte. Bauer, der in Wien vergeblich versucht hat, ein Instrument podiumsreif zu erlernen oder ein Studium der Musikwissenschaft abzuschließen, aber eine unglaubliche Sprachbegabung hat, geriet zwangsläufig an die Schreiberei. Sich selbst bezeichnete er bei der genannten Veranstaltung locker-ironisch als „gescheiterte Existenz“. Na ja, nicht wirklich.

Von Musik und speziell von Sängern wusste er viel, hatte er sich doch leidenschaftlich um Stehplätze in der Staatsoper geprügelt, wo Elisabeth Schwarzkopf oder Lisa della Casa glänzten. Mit 16 schrieb er seinen ersten Artikel für eine Wiener Zeitung, ein “gefaktes“ Interview mit Mozart, er sollte Leserbriefe fälschen, tingelte durch die Redaktionen. Bis auf einmal ein Ruf nach Köln kam, in Zeitungskreisen als Kultur-Dorado angesehen, und dann auch noch zum Kölner Stadtanzeiger. In seinem Buch hat er sämtliche Redaktions-Grabenkämpfe und den Zwist mit nach deren Meinung zu unrecht kritisierten Künstlern anschaulich und mit vollen Namen geschildert und dabei auch ordentlich ausgeteilt. So veröffentlichte der KStA nach seinem totalen Verriss des Verdi´schen Requiems mit dem hochgeschätzten Ruggiero Raimondi den Leserbrief des Rezensenten mit dem Vorschlag, Herrn Bauer doch in Zukunft eine Liste der vorgesehenen Interpreten zwecks Genehmigung vorzulegen. Aber auch im Reaktionskreisen war, wie zu hören ist, der Umgang mit ihm auch nicht immer ganz einfach. Er ist halt ein Querkopf und kein Schönschreiber, der seine Meinung immer vehement vertrat und das vor allem in einer originellen und geschliffenen Sprache. Es war daher immer eine Freude, seine Artikel zu lesen, auch wenn man das besprochene Konzert gar nicht besucht hatte. Auch wenn er als Kritiker, wie er schreibt, mehr einstecken als austeilen musste.

Bei Lengfeld, im HIntergrund Michael Struck-Schloen

Freimütig plaudert Bauer auch aus seinem Privatleben, wenn auch vielleicht etwas reichlich. Nach seiner Scheidung wurde Ursula die Liebe seines Lebens, die mit ihm „durch alle Tore gegangen ist, die ihm sein alter Gymnasiallehrer geöffnet hatte“. Sie ist es auch, die ihn vom Alkohol und der Zigarette abgebracht hat. Lange hat sie ihren Mann, der nie einen Führerschein gemacht hatte, durch Köln chauffiert, immer schick gekleidet, im Sommer oft mit großem Hut. Eine rundum erfreuliche Erscheinung, anders als Gerhard, der mit leiser Stimme auf Wienerisch oft kaum zu verstehen ist.

Gutbürgerlich: bei Bauers zu Hause

Sein „Huch-Buch“ wurde vom KStA ignoriert, es gab keinerlei Besprechung, zu sehr hat er wohl auf seinem Arbeitgeber herumgehackt. Ein Redakteur der Zeitung dazu: „Man streichelt nicht den Hund, der einen gebissen hat“. Mehrere Musikmagazine und Online-Medien berichteten allerdings über das Buch. Auch  gab es am 15.1. 2019 eine öffentliche Lesung in der angesagten Lengfeld´schen Buchhandlung im Schatten der Minoritenkirche, locker moderiert von seinem früheren Zögling Michael Struck-Schloen, Musikredakteur beim WDR. Höchst vergnüglich, da mit ausreichendem zeitlichen Abstand, lesen sich heute seine Ausführungen über gescheiterte Kölner Intendanten, das Drama um die Renovierung des Opern- und Schauspielhauses, um seinen Zoff mit dem ersten Philharmonie-Chef, um die vielen kleinen Nickeligkeiten, für die Köln ja berühmt ist. Aber gerne liest man auch von seinen Reisen etwa mit dem von ihm hoch geschätzten Gürzenichorchester, seine Freundschaften mit zahlreichen Kulturschaffenden, und natürlich über die Aufführungen selbst, die Bauer minutiös wiedergegeben hat und die sich ein normaler Arbeitnehmer in dieser Fülle kaum leisten könnte. Denn das sind die schönen Seiten des finanziell eher mager ausgestatteten Kritikerjobs; eine kleine Anekdote dazu schildert er nach einem lächerlichen Salär für einen größeren Artikel über den Verleger: „Ehre habe ich genug, was ich brauche, ist Geld“.

Es ist unmöglich, die Fülle an Details auch nur annährend wiederzugeben; man kann das Buch auch kaum „in einem Rutsch“ durchlesen. Aber für kleines Geld hat man hier einen fast unermesslichen Schatz an Musik und Kultur, welches man – lächelnd lesend – gerne immer wieder zur Hand nimmt. Und nicht nur als Kölner.

Gerhard Bauer, Huch, ein Kritiker ! August von Goethe Literaturverlag Frankfurt, ISBN  978-3-8372,2141-1,  € 14.90

 

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