Klamotte statt Gemetzel – Yasmina Reza im Schauspiel Bonn
Yasmina Reza, Jahrgang 1959, ist Französin mit jüdischen und iranischen Wurzeln. Die studierte Schauspielerin und Erfolgsautorin hat mit ihren Stücken „Kunst“ (im Kölner „Bauturmtheater“ über 500-mal aufgeführt), „Drei Mal Leben“ und dem „Gott des Gemetzels“ (auch verfilmt von Roman Polanski) theatralen Weltruhm erlangt.
Sie schreibt feinsinnige Theaterstücke, Kammerspiele über zwischenmenschliche Beziehungen und Probleme, wo man sehr gut zuhören muss.
Das „Gemetzel“ passt hervorragend in unsere politisch wirre Zeit mit einem Angriffskrieg in Europa, mit Despoten wie Trump und Putin, mit wirtschaftlichen Existenzängsten, mit Sorgen über einen eventuellen eigenen Abstieg, mit Klimakrise. Wobei der Plot relativ simpel ist: Da schlägt ein Jugendlicher einem Schulkameraden mit einem Stock 2 Zähne aus. Und das ausgerechnet auf der Poppelsdorfer Allee in Bonn. Nichts lebensgefährliches, aber sehr ärgerlich und mit unsicheren und offenen Folgekosten. Anstatt über einen teuren Anwalt zu verhandeln, besuchen die Eltern des geschädigten Bruno, Andreas und Annette Reiler, die Täter-Eltern Veronika und Michael Uhl und sprechen bei Kaffee und selbstgebackenem Kuchen über die „Tat“ deren Sohnes Ferdinand, um einen Brief an die Versicherung von Bruno zu formulieren. War das Absicht, war der Täter mit dem Stock „bewaffnet“? Man ahnt es – aus dem zunächst friedlichen Gespräch wird ein rabenschwarzes Drama. Nicht nur, weil Andreas den des Nachts lärmenden Hamster einfach herzlos aussetzt, der am nächsten Morgen prompt verschwunden ist.
Aber auch, weil Michel als Anwalt einer Pharmafirma ständig mit Mitarbeitern lautstark telefoniert, um die erheblichen Nebenwirkungen eines Medikaments zu vertuschen – welches dann auch noch die Mutter von Andreas nimmt – und davon wortreich abgebracht werden muss. Bis Veronika den elektronischen Störenfried schließlich in einem Becken ertränkt. Nein, viel schlimmer. Der Konflikt zwischen den Söhnen überträgt sich auf die Eltern. Ist der Schädiger vielleicht eine Gefahr für die Allgemeinheit? Und ist der Aussetzer des Hamsters in eine feindliche Umgebung als Mörder anzusehen?
Die Typen sind von der Ausstatterin Ines Burisch sehr originell und passend gekleidet: Michael, der Anwalt, im feinem Anzug mot Schips, Andreas, ein Haushaltswarenhändler, eher burschikos und schlicht, seine Frau Annette, eine Pädagogin, in schickem Hauskleid und großer Brille, und Lola, die Anwaltsgattin und Anlageberaterin, in langem engen Rock. Die zunehmend dem Alkohol zuspricht und die ganze Truppe dazu animiert, sich in Moralpredigten versteift, um in einer unglaublichen „Kotzorgie“ ihren Frust auf die Welt und ihre Ehe zu demonstrieren. Das ist aber nicht mehr lustig, sondern nur noch ekelig.
Der Hausregisseur Simon Solberg, auch für die großzügige luxuriöse Wohnung auf der Bühne verantwortlich, hatte die feine Ironie von Reza nicht übernommen, sondern arg verstärkt. Dass die schauspielerisch ausgezeichneten Protagonisten sich zunehmend an die Gurgel gehen, ist nicht mehr lustig wie in echter Slapstick-Manier, sondern eher peinlich. Wenn der Kuchen auf dem Teller durch Draufsetzen platt gedrückt wird, das geht ja noch an. Aber woher kommt der überfallartige Mückenschwarm, wer hat die Stromausfall und den nachfolgenden Einbruch verursacht, wieso kann ein Sturm die Wohnung derart verwüsten, und warum flimmern Flutkatastrophen und eine Atombomben-Explosion über den Bildschirm, wo vorher ein harmloses Kaminfeuer brannte? Das ließ die Zuschauer im vollbesetzten Theatersaal nachdenklich zurück, ebenso wie der entlaufene Hamster, der in Menschengröße mehrfach auftauchte.
Wenn sich dann zum Schluss ein riesiger echter Sturzbach über die Protagonisten ergießt, die richtig Arbeit hatten, sich abzutrocknen, dann kam der vermutlich vom Gott des Gemetzels, um beruhigend auf die Streitenden einzuwirken.
Fazit: Ein tolles Stück – durch die Regie leider mit der Anmerkung „Thema teilweise verfehlt“ versehen. Dafür aber mit excellenten Mimen.
Mit Daniel Stock (Andreas), Timo Kählert (Michael), Lydia Stäubli (Lola), Julia Kathinka Philipp (Veronika)
Besuchte Aufführung: Premiere am 23. Januar 2026
Fotos von © Matthias Jung
Rezension von Michael Cramer








