Musik

Ein Muss für Musical-Fans: Moulin Rouge in Köln

Regelmäßige Kölner Opernbesucher dürften das blaue Zelt hinter dem Hauptbahnhof, die sehr edel als „Oper am Rhein“ bezeichnete Interim-Spielstätte der Bühnen Köln, von vielen aber verächtlich als „Mülltüte“ bezeichnet, auch von innen gekannt haben. Denn da fiel in der fantastischen „Tosca“ – Inszenierung von 2012 von Thilo Reinhard durch einen hörbaren Schuss etliches an Putz von der Kirchendecke in der Kulisse – ein origineller Bühnengag. Das dürfte im Kölner Musical-Dom, nach dem Umzug der Oper ins Staatenhaus auf der gegenüberliegenden Rheinseite, kaum passieren. Denn hier wurden „Nägel mit Köpfen gemacht“, sprich: Das Theater, welches zuvor etlichen Musicals eine Bühne bot (darunter Gaudi, Bodyguard, West Side Story und Mama Mia), wurde von der Unternehmensgruppe Mehr BB-Entertainment für sagenhafte 20 Millionen Euro als dauerhafte Spielstätte für Moulin Rouge umgebaut; Tickets sind schon bis Ende 23 zu buchen.

Foto: Michael Cramer

Der größte Batzen ist in die Bühne geflossen, denn die steile Treppe ist immer noch da und die Toiletten sind immer noch sehr eng. Aber geklotzt hat man mit der Ausstattung und der unglaublichen Bühnentechnik. Wenn man den Saal betritt, verschlägt es einem fast den Atem. Eine riesige Zahl an Lampen, Lichterketten, Dekor, an Samt und Seide, an riesigen Stoffbahnen, die von oben herunterhängen, rot und gold. Nach Angaben der Veranstalter wurden 1800 m² neue Stoffbahnen und 2000 m² neuer Teppichboden installiert. Imponierend auch die namensgebende, langsam drehende Mühle an der linken Seite, und der riesige blaue Elefant, hier mal nicht im Porzellanladen, der seinen Rüssel weit in den Zuschauerraum ragen lässt.

Foto: Michael Cramer

Man hat kaum Augen genug, um die vielen Details auch mit den Akteuren schon vor Beginn zu registrieren, die überall sich räkeln, in Käfigen kauern, sich in Zeitlupe bewegen. Das darf man alles fotografieren, kaum sah man jemanden ohne Handy (ist ja auch wirklich sehr beeindruckend), nur die pünktlich anfangende Schau nicht. Dazu gingen junge Damen mit Verbotsschildern immer wieder die Gänge hoch und runter. Ist ja viel dezenter als über einen im Zuschauerraum laut plärrenden Lautsprecher.

© Paul Hüttemann

Ein riesiger Aufwand, um eine Lovestory zu illustrieren. Da ist Christian (Riccardo Greco), ein junger Amerikaner, nach Paris gezogen und geriet an zwei schillernde, aber chronisch hungrige Bohemiens, den Maler Toulouse-Lautrec (Alvin Le-Bass) und den argentinischen Tangotänzer Santiago (Bini Gomes). Zusammen plant man, ein Stück für das berühmte Theater Moulin Rouge zu schreiben. Schon ein hartes Unterfangen für arme, junge Pariser No-Names. Satin (Sophie Berner) ist der Star des Moulin Rouge, eine schicke Tänzerin, die auch passabel singen kann. Wie es passiert halt im Leben, Christian verliebt sich in sie. Damit sind wir schon beim zentralen Thema des Musicals, der Liebe. Der Veranstalter ergänzt das um eine „Ode an die Wahrheit, Schönheit und Freiheit“; das freut einen ja schon für den armen Schlucker Christian, er muss richtig gut drauf sein, damit eine berühmte Tänzerin seine Liebe erwidert. Sehr gut sieht er auf jeden Fall aus.

© Patric Fuad

Das zentrale Problem der Affäre ist, wie so oft, die Kohle, die dem Etablissement fehlt – es ist schlichtweg pleite. Und dem Veranstalter Harold Zidler. Der aber kennt einen geld- und einflussreichen windigen Mäzen, den Duke of Monroth (Gia Marco Schiaretti), der aber erst überzeugt werden muss von seinem Glück; er möchte nämlich das Moulin Rouge kaufen. Die hübsche Satin soll dabei helfen: klar macht sie das, denn es geht auch um ihre eigene Existenz. Christian und seine Freunde zaubern ein tolles Stück, welches das Moulin Rouge retten soll. Wie man sich denken kann, klappt das natürlich auch nach etlichen Wirren und Umwegen, über die hier nicht näher berichtet werden soll. Diese Geschichte wäre schon ein kleiner Schmachtfetzen und angelehnt an Soap-Operas wie „Sturm der Liebe“, die sehr beliebt ist beim TV-Publikum, wenn da nicht unglaubliche Kostüme, Tänzer, Sänger und Schauspieler mit dabei wären. Hinter dem Kreativteam stehen allererste Kräfte wie der Regisseur Alex Timbers, der Autor John Logan, der Musikchef Justin Levine und die Choreografin Sonya Tayeh. Nicht umsonst ist die Produktion mit zehn „Tony Awards“ ausgezeichnet worden, dem „Oscar“ für Broadway-Musicals, nachdem vorher das Stück als Film unter der Regie von Bad Luhrmann sogar einen Film-Oscar erhielt.  Da müssen doch alle verfügbaren Champagnerkorken durch die Gegend geflogen sein.

© Johan Persson
© Johan Persson

Das Musical in Köln wird erstmals auf Deutsch gegeben, und zielt natürlich damit auch auf Touristen aus dem benachbarten Ausland. Was der durch Corona arg gebeutelten Hotellerie und damit auch dem Stadtsäckel sehr gut tut. Wenn auch die Preise um ca. 100 € nicht gerade niedrig sind. Für echte und nicht gerade unvermögende Musical-Fans gibt es ganz besondere Plätze direkt an der Bühne, die Akteure bewegen sich hier auf speziellen Wegen quasi hinter den Zuschauern, und diese Privilegierten können somit den Damen in aller Ruhe unter die Röcke gucken. Natürlich mit exzellenter Verpflegung und edlen Getränken bis zum Abwinken. Und können hier eine sehr schwungvolle, in jeder Hinsicht perfekte  Aufführung genießen, vor allem die beiden Hauptdarsteller Sophie Berner und Riccardo Greco. Erst recht die Musik, die statt dem Original hier ein buntes Potpourri aus Rock, Pop, von Reinhard May bis Lady Gaga, von Offenbach bis zu den Rolling Stones präsentiert unter Leitung von Heribert Feckler. Da sind profunde Musikkenntnisse und vielleicht auch ein „heiteres Musikraten“ gefragt bei 75 Songs in gut zwei Stunden.

© Johan Persson
© Johan Persson

Allerdings nur von denen, die das Genre „Musical“ wirklich mögen. Den Liebhabern von Barock-Opern und der Wiener Klassik kann dennoch sehr zu einem Besuch geraten werden, alleine um eine solche tolle Aufführung mal „life“ gesehen zu haben. Denn im TV kommt von diesem Raum, dieser Atmosphäre und diesen Sängern und Tänzern auf der unglaublichen Bühne kaum etwas rüber, wenn der Veranstalter auffordert „Tretet ein in eine Welt voller Romantik und Sünde. Eine Welt, in der Grenzen verschwimmen, Bohemiens und Royals sich in den Armen liegen und ausschweifend miteinander feiern.“

https://www.moulin-rouge-musical.de/cologne/home/

Hier der Trailer zum Musical:

Rezension: Michael Cramer

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