Rezensionen

Oper Aachen: Großes Kino mit “La Belle e La Bête”

 

Wenn vor der Ouvertüre der Intendant auf die Bühne kommt, dreht es sich meist um Stimmprobleme oder gar Absagen von Sängern. Nicht aber bei Michael Schmitz-Aufterbeck, Chef der Oper Aachen, der sichtlich erleichtert das gut halbvolle Haus begrüßte: Danke für die „mutige“ Anwesenheit, nachdem die Generalprobe dreimal stattgefunden hatte ohne die nachfolgende Aufführung. Naja, so viel Mut war nicht erforderlich, im Hause war Maskenpflicht, man war auf Lücke gesetzt, daher konnte die Aufführung „unverhüllt“ genossen werden. Manch einer der Premierenbesucher, der sich nicht zuvor informiert hatte, hatte vielleicht den fetzigen Sound aus dem gleichnamigen Musical und bunte Balletttänzer im Kopf – weit gefehlt. Es handelt sich um eine Oper des Amerikaners Philip Glass (*1937); er ist ein sehr vielseitiger Musiker und Komponist mit einem breit aufgestellten Oeuvre; nach Zuwendung zur indischen Musik schrieb er in USA mehrere stark beachtete Musiktheater-Werke, darunter 1994 „La Belle et la Bête“ nach dem gleichnamigen Film vom Jean Cocteau (1946).

Die Story ist eine einfache Liebesgeschichte: La Belle lebt mit zwei eitlen und selbstsüchtigen Schwestern bei ihrem Vater, zusammen mit ihrem Glücksspiel süchtigen Bruder Ludovic und dessen Kumpel Avenant. Der will sie heiraten, sie lehnt ab, um bei ihrem Vater bleiben zu können. Der muss geschäftlich verreisen, und verspricht La Belle eine Rose mitzubringen. Beim Abbrechen der Blume wird er vom Biest erwischt und mit dem Tod bedroht, es sei denn, eine seine Töchter wäre bereit für ihn zu sterben. Die Schöne reitet zum Schloss, wird schick eingekleidet und regelmäßig vom Biest besucht. Aber heiraten will sie auch ihn nicht. Nun wird es kompliziert: La Belle möchte zu ihrem sterbenden Vater, verspricht dem Biest ihre Rückkehr binnen einer Woche und erhält von ihm einen goldenen Schlüssel für den Zugang zu seinem Schatz.

Problem: wenn sie nicht rechtzeitig zurück ist, stirbt das Biest. Der goldene Handschuh vom Biest bringt sie zurück nach Hause, wo ihre Schwestern sie zum Bleiben bewegen. Ludovic und Avenant wollen das Biest töten und mit dem goldenen Schlüssel den Schatz rauben; das Biest stirbt beinahe, die Schöne merkt nun, dass sie es liebt, der Handschuh versetzt sie wieder ins Schloss. Avenant stirbt beim Einbruch in die Schatzkammer und wird zum Biest, während sich sein „Vorgänger“ durch den liebenden Blick der Schönen zum hübschen Prinzen verwandelt, natürlich mit einem echten Schloss und eigenem Reich. Da sieht man mal, was Frauen allein durch ihren Blick bewerkstelligen können.

 

Die Oper hatte für die Regie dieser Märchenoper eine illustre Künstlerin engagiert: Reinhild Hoffmann, hier auch für die Bühne federführend, ist eine große Choreografin und Pionierin des Deutschen Tanztheaters, die nach ihrer Ausbildung in Essen ein eigenes Ensemble in Bremen etablierte; sie wendete sich zunehmend als Regisseurin dem Theater zu und für die Umsetzung des gesungenen Wortes in Bewegung.  Und davon gab es in Düsseldorf reichlich zu sehen.

Hoffmann ließ ihre Figuren ständig kreisen – sicher auch Corona geschuldet – sie verbannte sie sogar auf eine Sitzreihe links vom Geschehen und korrekt mit Plastik-Scheiben isoliert, wenn nichts für sie zu tun war. Das passte zu den atmenden Melodienbögen, zur traumwandlerischen Atmosphäre auf der dunklen Bühne. Die war von Anbeginn an offen, in Kinderschrift und mit Kreide stand der Operntitel auf der Bühnenrückseite; die einzelnen Kapitel wurden in Französisch präsentiert.

Das Sinfonieorchester Aachen und insbesondere das ausgezeichnete Holz waren vielfältig beschäftigt, dazu die hervorragende Harfe; Dirigent Mathis Groß wuchs groß über sich hinaus, war es doch nicht einfach, die von Glass komponierte Musik, die sich genau nach dem Korsett der Filmszene richtete, musikalisch überzeugend zu präsentieren. Denn die Regisseurin sollte ja noch eine vielschichtige Handlung dazu packen. Die Musik befremdet bisweilen, ist sehr gewöhnungsbedürftig, kurze Harmoniefolgen wiederholen sich ständig, die geforderten Sänger dürften es damit nicht leicht haben. Die Palme des Abends gebührt Fanny Lusthaud als La Belle, ihr wohlig-strömender Mezzo und ihre Erscheinung passten perfekt zur Rolle. Rafael Bruck (für den ursprünglich vorgesehenen Hrólfur Saemundsson) hat eine lyrische, wunderschöne Stimme, spielt das Biest sehr überzeugend, ist damit aber für diese Figur mangels Dynamik und Bassfundament weniger geeignet. Den Vater gibt Pawel Lawrezuk routiniert und volltönig, die beiden Schwestern Félicie und Adélaide singen und spielen überzeugend rollengerecht, ebenso Ronan Collett als verhinderter Liebhaber Avenant und Stephen Barchi als sein Freund Ludovic.

Zum opernseligen Schwärmen taugte die Produktion – nach Ansicht des Rezensenten – nur bedingt, auch wenn manch originelle oder poetische hübsche Szenen vorkommen. Dazu ist die Musik einfach nicht melodisch genug, oft fast ruppig in den ständigen Wiederholungen von Akkordfolgen. Aber dem Publikum gefiel die Aufführung ausnehmend gut, was sich in jubelndem langem Applaus und vielen Bravos zeigte. Aber sicher war man auch glücklich, endlich wieder in die Oper gehen zu können. Zumal ein weißes Einhorn auf einem Tretroller ständig über die Bühne flitzte und Zauberkräfte zu haben schien. Wenn das nicht mal ein gutes Omen für die Oper Aachen bedeutet.

 

Fotos: (c) Carl Brunn

 

Tickets: https://theateraachen.reservix.de/p/reservix/event/1692240

 

Gesungen in der franz. Originalsprache mit dtsch. Übertiteln

 

Ab 5. September sieben Aufführungen bis in den Dezember

 

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