Musik

Auryn-Quarett – Letzte Reise durch die Streichquartett-Geschichte

Köln : Von Haydn über Britten bis Mendelsohn Bartholdy

Es war schon eine etwas gespenstige Atmosphäre beim letzten Konzert des berühmten Auryn-Quartetts in der Kölner Philharmonie: der große Saal Corona gerecht sehr schütter besetzt, vorne ein riesiges, weit ins Publikum verlängertes Podium unter Verlust zahlreicher Reihen, und irgendwo verloren vier Stühle, davon drei ganz unterschiedlich. Die Musiker Andreas Arndt (Cello), Stewart Eaton (Viola) und die beiden Violinisten Matthias Lingenfelder und Jens Oppermann wurden mit heftigem und ungewöhnlich langem Applaus begrüßt zu diesem offiziell letzten Konzert in Köln. Irgendwo war durchgesickert, es wäre das finale Abschiedskonzert; auch im Abendprogramm steht zu lesen, dass sich „in Köln die vier Musiker von den Kammermusikbühnen dieser Welt verabschieden“. Das stimmt glücklicherweise nicht so ganz, nur die Kölner Philharmonie steht nicht mehr auf ihrer Agenda; Corona bedingt mussten 2020 zwei Konzerte ausfallen. Außerdem: Die Weltstadt Köln hat überhaupt keine Kammermusikbühne, keinen nennenswerten Saal für diese sensible Musiksparte; ein peinlicher Zustand, der immer wieder heftig kritisiert wird.

Einsam auf weiter Flur …

Das Quartett selbst hat seinen Namen vom magischen Amulett aus Michael Endes Roman „Die unendliche Geschichte“ übernommen. »Tu, was du willst!« – so ist es in »Die unendliche Geschichte« auf der Rückseite des Amuletts zu lesen, das seinem Träger Inspiration verleihen und ihm helfen soll, den Weg seiner Wünsche zu gehen. Diese Aufforderung hat sich das Auryn Quartett zum Motto gemacht.  Gilt doch das Streichquartett als die anspruchsvollste Gattung der Instrumentalmusik, als Königsklasse der Musik schlechthin, als besondere Herausforderung für Komponisten und Interpreten. So schrieb Johannes Brahms, als er sich gut 100 Jahre später seinem ersten Streichquartett widmet: »Es ist nicht schwer, zu komponieren, aber es ist fabelhaft schwer, die überflüssigen Noten unter den Tisch fallen zu lassen.«

Seit der Gründung 1981 spielt das Auryn Quartett in derselben Besetzung zusammen, und das hat absoluten Seltenheitswert. Gläserne Transparenz, Reinheit des Tons, feinsinnige Gestaltung der musikalischen Strukturen und ein inniges Verständnis für Sonderheiten einzelner Kompositionen und Epochen – all das wird dem renommierten Quartett nachgesagt. Vielleicht liegt es an der Macht des Auryn, an der Intuition und dem richtigen Gespür füreinander, von dem das Zusammenspiel der vier Musiker geprägt ist: Sie atmen und phrasieren gemeinsam. Haben blindes Einvernehmen und unbedingte Offenheit für die Impulse des Anderen. Kurzum: Die vier beherrschen die hohe Kunst des gegenseitigen subtilen und genauen Hinhörens.

»Es gibt Reichtümer, an denen man zugrunde geht, wenn man sie nicht mit anderen teilen kann.« – auch diese für die vier Musiker wichtige Maxime stammt aus der Feder von Michael Ende. Zweifelsohne gehören die Streichquartette von Haydn dazu. Die Auryns hatten alle seine Quartette in der für ihre Akustik berühmten kleinen Kirche in Honrath eingespielt, hoch oben gelegen zwischen Overath und Siegburg. Und sich dafür mit mehreren Konzerten in dieser Kirche bedankt. www.musik-honrath.de Der Zyklus wurde auch mit dem „Jahrespreis der Deutschen Schallplattenkritik“ 2011  ausgezeichnet.

Während der Proben wird bei den Ensembles beinahe um jede Note und um jede musikalische Nuance gestritten. Vehement wird um die richtige, die vermeintlich einzige, die authentische Interpretation gerungen.

Doch soll von diesen Auseinandersetzungen das Publikum möglichst nichts spüren. Auf der Bühne müssen sich die Musiker aufeinander verlassen können. Flexibel und anpassungsfähig im Spiel muss jeder auch spontan auf die Mitspieler reagieren können. Dennoch muss alles im Detail geprobt werden. So haben die Musiker über ein Haydn-Quartett mitgeteilt: „Also Schlussakkorde op. 74 Nr. 1, wir haben uns entschlossen, kein großes Ritardando zu machen, und zwar aus dem Grund: In der Coda von dem Schlusssatz bringt Haydn noch mal einen neuen Einfall und der ist wunderbar. Ein grandioser Einfall, der sehr schlicht ist und so ein bisschen an die Zauberflöte von Mozart erinnert und dann wäre das für mein Gefühl, der theatralisch ist nicht angebracht. Wir nehmen von den beiden letzten Akkorden noch einmal einen ganz kleinen, also Luftholen, also minimal Zeit, um die beiden Akkorde hinzusetzen, damit der Hörer auch weiß: Jetzt ist Schluss.“ (Zitat)

Und nun ist nach zwei weiteren Events (Beethovenfest Bonn mit drei Konzerten und einer USA-Tournee) wirklich Schluss. Aber nur mit dem Quartettspielen:  Einmal Musiker, immer Musiker. Denn die Auryns haben ihr musikalisches Wissen in Köln beim berühmten Amadeus-Quartett empfangen und geben es als Lehrer an der renommierten Musikhochschule in Detmold und auch weiterhin in zahllosen Meisterkursen an die Jugend weiter.

Der letzte Ball ….

Text: Michael Cramer

Fotos: © Auryn

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