Musik,  Rezensionen

Genial: „E Levve för Kölle“ im Staatenhaus

Wenn bei einem großen beliebten Event die Abendkasse total verwaist ist, gibt es wohl keine einzige Karte mehr. Diese Situation tritt regelmäßig kurz nach dem Verkaufsstart für das Divertissementchen ein; zur Information: Vorverkauf für 2027 ist ab 12. 10. 2026. Man kann sich auf er Seite des www.kmgv.de eintragen lassen.

Die „Cäcilia Wolkenburg“, eingekölscht auch „Et Zillche“, ist die Bühnengemeinschaft des renommierten Kölner Männergesangvereins www.kmgv.de , die seit 135 Jahren ihr so genanntes „Divertissementchen“, ein komisch-parodistisches Theater- oder Singspiel auf Kölsch in der Kölner Oper bzw. im provisorischen Staatenhaus aufführt unter der strengen Bedingung: Niemals echte Weiber auf der Bühne!

Diese Veranstaltung ist eine enorme Herausforderung und logistische Meisterleistung, welche der Verein fast ausschließlich mit nur eigenen Leuten stemmt. Da wird über Monate geprobt, nachdem ein neues und passendes Stück ausgesucht wurde – gar nicht so einfach nach so vielen Jahren. Eine immense Menge an Kostümen müssen mit Fantasie gezeichnet und genäht werden, die Bühne muss entworfen und gebaut werden, die Musik arrangiert und eingeübt werden, natürlich auch der Chor, ebenso das traditionelle Ballett und sehr vieles mehr. Und eine Heerschar an Maskenbildern organisiert werden, um die Herren erfolgreich auf „weiblich“ zu schminken. Da muss man schon den Hut ziehen, bevor man überhaupt ein Eckchen von dem Stück gesehen hat.

Der Kölner Lajos Wenzel, Schauspieler und Regisseur, der lange an der Kammeroper tätig war, hat das Leben von Adenauer bunt vermischt, ziemlich eng an der historischen Wahrheit, und sehr bühnen- und stimmungswirksam. Da für sorgt die Musik, ein wildes mitreißendes Potpourri aus ganz unterschiedlichen Stilrichtungen, aus Pop, Klassik und  Oper. Und die herrliche Bühne vom Altmeister Tom Grasshoff mit interessanten Himmels-Einschiebe-Teilen.

Heißes Thema in 2026 ist der Kölner Oberbürgermeister und Altkanzler Konrad Adenauer und sein bedeutendes Lebenswerk. Jürgen Nimptsch, ehemaliger Bonner OB und hoch aktiv in Sachen „Zillchen“, hat die Ehre, den Adenauer zu mimen. Sehr gelungen in Sachen Körpersprache, Mimik, rheinischem Slang und grauer Frisur. Er residiert auf seiner Kanzlerwolke und feiert seinen 150.Geburtstag. Natürlich mit illustren Gästen wie Onassis und Jackie Kennedy, Marilyn Monroe, täuschend echt Queen Elisabeth II und Prinz Phillip. Ludwig Erhard gratuliert trotz früherer Differenzen, Adenauer über ihn: Er leider an einem „Winkelverlustsyndrom“, zu Deutsch: „Er hat eine Ecke ab“. Norbert Burger, der Ex-OB, wird vom Jubilar stolz über seine neue App informiert: WIBOF – Wie Baue Ich Eine Oper Fertig. Tosendes Gelächter.


Natürlich wird das Leben des „Alten“ thematisiert: Seine erste Frau Emma stirbt 1917, er selbst hat einen schweren Autounfall mit Kopf- und Gesichtsverletzungen. Seine zweite Frau Gussi, die ihm noch 5 weitere Kinder schenkt, kommt mit seinen Kindern aus erster Ehe bestens zurecht. Sein Hobby, die Rosenzucht, wird visualisiert durch ein entzückendes Gartenzwerge-Ballett. Es geht auch um den vom Alten angelegten Kölner Grüngürtel, um das in Windeseile hochgezogene Staatenhaus zur Weltausstellung 1925. „Köln kann bauen“, so der aus bekannten Gründen heftig belachte Slogan. Gussi treibt die Emanzipation voran, daneben geht es noch um die neue Mühlheimer Brücke mit Seilen aus Köln und den Flughafen Butzweiler Hof. Hier kann Gussi endlich ihren Flugschein machen, unterstützt vom Piloten-Ballett. Überhaupt – das Ballett, ein Muss in jeder Oper, ist hier der Knüller, die Herren tanzen sehr leichtfüßig fast wie Ballerinas. Schlichtweg entzückend.

Auch die Ansiedlung der Fordwerke war Adenauers Werk, die Firma dankte mit einem Original Ford-A-Modell auf der Bühne, dazu tanzte – was auch sonst – ein Automonteur-Ballett. Im hervorragenden Programm sind die über 50 Mitwirkenden namentlich aufgelistet, ebenso die tatsächliche Vita des Jubilars. Die Bergischen Symphoniker und die „Westood Slickers“ unter Philip van Buren spielten was das Zeug hielt, schwungvoll, peppig, sehr exakt.

Das – natürlich- ausverkaufte Haus jubelte nach drei Stunden ohne Ende, nachdem Adenauer sein himmlisches Kanzlerbüro natürlich behalten durfte, auf Fürsprache der heiligen drei Könige, die ja auch nicht aus ihrem goldenen Sarkophag ausziehen müssen. Und nachdem Willy Millowitsch sang „Ich bin ene Kölsche Jung“

Ein rundum toller Abend, kurzweilig, bei dem es Schlag auf Schlag ging. Man freut sich schon auf das kommende Jahr, hoffentlich dann am Offenbachplatz. Dem Vernehmen nach geht es wohl um den Umbau der Oper – ein unendliches wie unleidiges Thema.

Hier noch der Link zur sehr lesenswerten Entstehung des Zillchens: https://deropernfreund.de/oper-koeln/koeln-caecilia-wolkenburg-divertissementchen-hintergruende-und-geschichte/

Rezension von Michael Cramer

Besuchte Aufführung: 4. Feruar 2026

Fotos von © Stefanie Althoff

 

Kommentare deaktiviert für Genial: „E Levve för Kölle“ im Staatenhaus