Musik

Die wunderbare Adriana in der Oper Köln

Hinweis: das Gesprächskonzert ist zwar etwas länger her, aber die Vorstellung von Adriana ist zeitlos. 

Text von Michael Cramer, Fotos © Oper Köln u.a.

„Ein Unglück kommt selten allein“ sagt der Volksmund. Was war dann da los in der Oper Köln ?

Angesetzt war ein „Gesprächskonzert“ mit einer Sängerin oder einem Sänger, die neben einigen musikalischen Beiträgen etwas aus ihrem Leben und ihrer Karriere erzählen, befragt von der Dramaturgin oder dem Dramaturgen. Ein sehr beliebtes Format; man erfährt einiges Privates und hört oft seltene Musik.

Vorgesehen war der Kölner Kammersänger Miljenko Turk, in Köln ob seines lockeren Stils im Gesang und Spiel sehr beliebt. Nur – er musste aus beruflichen Gründen leider absagen, Engagements gehen natürlich vor. Aber es gibt ja noch mehr Kräfte in der Oper. So die hoch angesehene und viel beschäftigte Adriana Bastidas Gamboa; sie hatte letztlich als vorzügliche Carmen, als Rosina und als Angelina ihren „Fanclub“ noch einmal erheblich erweitert. Toll. Nun gab es ein weiteres Problem – die Kölner Verkehrsbetriebe streikten mal wieder. Und zwar kurzfristig. Damit war der Weg ins Staatenhaus nur mit dem eigenen PKW oder mit teurem Taxi möglich. Die Folge war, dass sich im großen Saal 1 nur ca. 50 (statt 800)  Opernfans äußerst locker verteilen konnten, und ganz ohne jegliches Gedränge. Die Moderatorin Svenja Gottsmann, im Hause als hoch geschätzte Dramaturgin tätig, grinste leicht ob der immensen Fülle der Zuhörer, kündigte dann aber professionell und mit netten Details den Gast an. Die musikalische Begleitung sollte Theresia Renelt übernehmen, sehr bekannt u.a. durch ihr Continuo-Spiel – wenngleich die Zuschauer die grazile Dame im Allgemeinen wenig zu Gesicht bekommen. Aber auch sie stand nicht zur Verfügung. So musste ein anderer Begleitungs-Profi ran: Rainer Mühlbach, Dirigent der Kinderoper und Leiter des Opernstudios.

Los ging es mit Antonio Cesti und der Arie „Intorno all ídol mio“ aus der Oper „Orontea“, eine der beliebtesten Werke des 17. Jahrhunderts. Bei YouTube unter https://www.youtube.com/watch?v=2L9zwTfq2CQ anzuhören. Eine typische Barockoper mit langen entzückenden Gesangslinien.

Carlos Gustavino (1912-2000) war ein argentinischer Komponist, er schrieb Musik in Anlehnung an die Europäer; seine Stücke sind wirkliche Kunstlieder. Hier war „La rosa y el sauce“ zu hören, von Netrebko https://www.youtube.com/watch?v=FXmrxymovpM.

Und dann kam Svenja mit ihren Fragen zum Zuge. Adrianas kolumbianisches Elternhaus war nicht gerade musikalisch geprägt, aber in der Schule habe sie immer gesungen, ihre schöne Stimme sei von der Musiklehrerin entdeckt worden. Stark gefördert habe sie erste Auslandreisen unternommen, engagiert durch Ruthy Wattenberg, eine Pionierin der Jugendförderung. In Kolumbien studierte sie in ihrer Heimatstadt Cali, eigentlich ein Salsa-Ausbildungszentrum, aber auch für klassischen Gesang zuständig. 2004 fand sie den Weg nach Deutschland, gefördert durch Francico Vergara, früheres Ensemblemitglied der Oper Köln; Vergara war damals Intendant in Bogota. In Köln studierte sie noch an der Hochschule für Musik und Tanz, absolvierte das Internationale Opernstudio, kam dann sofort ins Ensemble, gewann 2012 den renommierten Offenbachpreis und lebt seitdem fröhlich in der geliebten Stadt Köln. Aus der sie immer wieder Engagements auch in die Heimat Kolumbien weglocken. Aus einer kurzen Ehe mit einem Deutschen entstand ihre Tochter, die natürlich im Publikum saß, und auf die ihre Mutter in den ersten Jahren immer aufgepasst hatte.

Adriana singt ein großes Repertoire an Sopran- und Mezzo-Rollen, aber möchte sich nicht in ein bestimmtes Fach einordnen lassen. Gerne würde sie auch mehr Lieder singen, aber dazu fehlt die Zeit. Später möchte sie auch pädagogisch tätig sein. Eine Solo-CD gibt es auch von ihr: „Un Viaggio in Italia“ mit der Pianistin Lara Jones, initiiert von einem Kölner Rechtsanwalt und erhältlich bei Amazon.

Aus der Rezension der Carmen vom 10. November  2019 auf dieser Seite: Ungekrönter Star des Abends war die Kolumbianerin Adriana Bastidas-Gamboa, als Ehemalige des Kölner Internationalen Opernstudios und Gewinnerin des Offenbachpreises seither fest im Ensemble mit sehr vielfältigen Engagements auch in ihrer Heimat. Als Rollendebut mit unglaublicher Bühnenpräsenz, mit einer mühelosen lyrischen Höhe ihres sinnlichen, substanzreifen, sauber geführten Mezzosoprans, sehr ergreifend auch im Spiel – auch optisch einfach eine tolle Erscheinung. 

Dann wurde es wieder musikalisch. Mit „Engel“ aus R. Wagners Wesendonck-Liedern und „Casta Diva“, der höchst eindrucksvollen Arie aus Bellinis „Norma“ verabschiedet sich eine exzellente Sängerin mit einer tollen Ausstrahlung, eine wichtige stimmliche Basis des Kölner Ensembles und einfach sehr sympathisch. Danke, liebe Adriana.

Wer die Künstlerin zeitnah erleben möchte: aktuell als Schwertleite in der Walküre und in der Titelrolle in Rossinis Tancredi (ab 21.6. 2026). Danach ist sie nur noch am Offenbachplatz zu hören.

Premierenfeier nach der Walküre. Adriana 2. v links, daneben Tina Drole

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