Sevilla diesmal in der Bundesstadt Bonn
Was braucht es eigentlich für eine hervorragende, hinreißende Opernvorstellung ?
Natürlich ein hübsches Libretto, und einen Komponisten, der selbiges kompetent in Noten gesetzt hat. Und einen Regisseur mit vielen Ideen, der mit der Materie vertraut ist. Dazu einen versierten Dirigenten und klar: eine exzellente Sängerschar. Am besten lauter Italiener.
Alles ist bei der Neuinszenierung von Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ perfekt vorhanden mit dem Ergebnis „äußerst empfehlenswert“.
Zum Komponisten: Gioachino Rossini hatte sich mit Mitte 30 und nach 41 sehr erfolgreichen Opern auf die faule Haut gelegt, seinen Ruhm und seine reichlichen Tantiemen ausgekostet und viele damalige VIPs der Pariser Gesellschaft angeblich selbst bekocht. So sind auch die „Tournedos Rossini“ nach ihm benannt worden. Unbestrittenes Highlight seines Schaffens ist die Buffa „Der Barbier von Sevilla“, eine der meistgespielten Opern; das Libretto stammt von Cesare Sterbini. Die Auftragskomposition erfolgte in Windeseile, wobei der Maestro sich in etlichen Stücken selbst beklaut hat. Eine sehr originelle Handlung, amüsante zwischenmenschliche Reibereien, gute Möglichkeiten für inszenatorische Gags und natürlich ein „lieto fine“, ein glückliches Ende.
Der Regisseur Matthew Wild, in Südafrika geboren, inszeniert inzwischen europaweit, heimst allerorten blendende Kritiken ein. Er ist ein echter Glücksfall für die Oper Bonn. Begonnen hatte die Aufführung mit einem originellen Video (Clemens Walter) zur langen Ouvertüre, wo der Graf Almaviva im Musiker-Tourbus in die Innenstadt mitfahren will, aber abgewiesen wird, alternativ dann mit einem Scooter durch die Bonner Altstadt rollt und genau im Moment wie die Musiker ankommt. Entzückende Idee, allgemeines Gelächter. Und großes Lob für den agilen Herrenchor unter Andre Kellinghaus. Man merkt es gleich: Die Bundestadt Bonn ist der aktuelle Spielort, eben nicht Sevilla. Dazu tragen auch vier jugendliche, schrill gekleidete Hiphop-Tänzer bei, die bei längeren Arien hoch engagiert ihre fast artistische Kunst zeigen (Einstudierung Rudi Smit). Wenn auch die Tänze nicht ganz zur Handlung passen – sie sind sehr amüsant und einfach hübsch anzusehen. Es tanzen Jessica Alino, Corina Wodwarka, Gabriel De Freitas Rolf und Kacper Iwanow.
Zusammen mit dem Bühnenbildner Dirk Hofacker hat Matthew Wild die Bühne erdacht, eine Bonner Geschäftsstraße mit Schlüsseldienst, Nudel-Bar, BarberShop, diversen Reklamepostern und der Zahnarztpraxis des mürrischen Dr. Bartolo mit echtem Behandlungsstuhl. Wo er später auch tatsächlich bohrt. Der will sein Mündel, die wohlhabende Rosina, unbedingt heiraten und ist scharf auf die Mitgift. Die Bühne ist zweistöckig, oben liegt die Wohnung von Dr. Bartolo und Rosina mit einsehbarem Badezimmer und erheiternder Pinkelszene. Hofacker hat den mittleren Teil der Ladenfront trickreich als Drehbühne gestaltet. So hat der Zuschauer immer wieder wechselnde Einblicke in die Praxis, den Friseurladen, in die Privaträume. Man muss schon sehr gut aufpassen. Oben nimmt Rosina Gesangsunterricht für ihre erhoffte Karriere beim verschlagenen Don Basilio (Pavel Kudinov). In ihrem Zimmer hängt natürlichein Gemälde von Rossini.
Der demonstriert in seiner großartig gesungenen „Verleumdungsarie“ die gemeinen Fallen bei social Media mit hämischen Angriffen, erzeugt einen bösen Shitstorm mit Lügen und Unterstellungen. Hier geht es um Übergriffigkeit des Sängers zu den Geigerinnen, optisch köstlich dargestellt wie im Netz. Und wie im wahren Leben. Leider!
Grisha Martirosyan, ein Klasse Typ mit coolem Outfit, brilliert mit „Largo al factotum“ in der Titelpartie, mit sonorem Bariton und lockeren Koloraturen. Riesen-Applaus für diesen Ohrwurm, einfach toll! Graf Almaviva ist Anton Rositskii und erfreut mit hohen Koloraturen. Die Berta (Nicole Wacker, auch als Zahnarzthelferin engagiert) besticht mit höchsten Tönen. Und der gebieterische Doktor Bartolo (Enrico Marabelli) erfreut mit seinem prächtigen Buffo-Bass und herrlichem Spiel.
Das alles unter dem Dirigat des Rossini-Spezialisten Matteo Beltrami, der auch schon in Köln eine glänzende Visitenkarte abgegeben hatte. Es lässt seinen Rossini vibrieren, jubeln und strömen, dass es eine Wonne ist. Daher dringender Rat: Karten kaufen, die Nachfrage ist groß.
Besuchte Aufführung: Premiere am 25. Januar 2026
Rezension von Michael Cramer
Fotos von © Bettina Stöß
Karten unter 0228-77 8008 oder theater-bonn.de









