Theater

“Abschiedsdinner” und Neuanfang im Theater am Dom

“Das Abschiedsdinner”

Von Matthieu Delaporte und Alexandre de la Patellière

Regie Jochen Busse

Theater am Dom, Köln

Premiere am 4. September 2020

Dauer 75 Min., ohne Pause

Rezension von Michael Cramer, Fotos ©Theater am Dom

Wer hat etwa keine alten „Freunde“, die einem eher lästig sind, zu deren Einladung man nur ungern hingeht, die man am liebsten „entsorgen“ möchten? Vor allem in fortgeschrittenem Alter, wo man mit der noch verbleibenden Zeit sparsam und sorgsam umgehen möchte?  Denn Freundschaften zu erhalten bedeutet hohe Verpflichtungen und hohen Zeitaufwand. Nicht immer ganz einfach ist es,  sich von Freunden zu trennen, ohne sein Gesicht zu verlieren oder peinliche Situationen provozieren zu müssen.  Bei Facebook geht es einfach: ein Klick und der Freund ist weg, aber im realen Leben? Eine Möglichkeit dazu ist das so genannte „Abschiedsdinner“, ein toller Abend mit Lieblingsmusik, Lieblingsessen, Lieblingsrotwein – möglichst vom Jahrgang des Gastes – und Lieblingsstimmung des Eingeladenen, der natürlich nicht weiß, dass dies das finale Treffen sein soll. Denn das Leben ist zu kurz für unergiebige Freunde, und Zeitverschwendung ist die schlimmste aller Sünden. Und vor allem: nur wenn man ganz loslässt, hat man wieder beide Hände frei für Neues und Spannendes.

Das Autorenteam Delaporte/de la Patelliere, das sich bereits mit „Der Vorname“ http://theaterpur.net/theater/schauspiel/2015/08/koeln-theater-am-dom-der-vorname.html sehr erfolgreich in die Herzen des Boulevard-Publikums geschrieben hatte, hat nun mit dem „Abschiedsdinner“ einen weiteren Theatercoup gelandet. Peter und Katja, ein berufstätiges Ehepaar mit zwei Kindern, hatten von dieser Möglichkeit gehört und probieren es jetzt aus an Bea und Anton; aber Anton, ein Chaot, der nach 12 Jahren das Thema seiner Dissertation grundlegend geändert hat, der ein farbiges Kind adoptieren will, der  von seinem verstorbenen Analytiker berichtet und dessen Therapien umständlich ausbreitet, kommt alleine. Und erzählt beiläufig von einem gewissen Boris und dessen perfider Idee, sich mit einem Abschiedsdinner aus Freundschaften zu schleichen. Und riecht vor allem schnell den Braten, dass es hier um ihn selbst gehen könnte. Und nun läuft nichts mehr nach Plan in dieser wundervollen Komödie. Es beginnt ein Feuerwerk an Wortwitz, Situations- und Körperkomik, das kein Auge trocken ließ. Denn Peter und Katja versuchen verzweifelt, sich nichts anmerken zu lassen – aber zu spät, der pfiffige Anton entlarvt sie. Nach dem ersten Schock möchte er die Freundschaft retten und schlägt vor, eine Art Therapiestunde abzuhalten. Es folgt ein genialer Schlagabtausch der beiden Freunde, die alles aus dem Nähkästchen holen, was sie sich in den langen Jahren ihrer Freundschaft nie getraut haben zu sagen.

Der Regisseur und Altmeister Jochen Busse (der sich beim Schlussapplaus leider nur einmal sehen ließ) hatte die Figuren und die Handlung auf den Punkt inszeniert und ein perfektes Timing geschaffen; äußerste Konzentration war nötig, um nur ja keine Pointe zu verpassen. Und davon gab es reichlich mit lokalen Anspielungen und dezent auch auf Corona mit Abstand auf dem Sofa und: „Eigentlich möchte ich Dich umarmen“…

Katja, herrlich gespielt von Mariella Ahrens, ist eine Frau von schneidender Aufrichtigkeit, die auch mal zu explodieren drohte, wenn der Teppich, unter den Männern gerne kehren, gelüftet wurde. Ihren Mann Peter spielte der Kölner Martin Pustisek, schlitzohrig und einfallsreich, wenn es ums Retten der Situation ging. Herrlich schrullig und pfiffig zugleich dann Martin Semmelrogge, der kauzig den Spieß umdrehte und für zahlreiche Situationskomik sorgte.

Das hygienisch perfekt vorbereitete Theater war trotz Corona gut gefüllt, die Stimmung hervorragend, der Schlussapplaus lang und sehr reichlich. Leider ohne die übliche und nahrhafte Premierenfeier und das Schwätzchen mit den Akteuren – aber das kommt sicher bald auch wieder. Das Theater am Dom mit seinem Chef Oliver Durek hat auf jeden Fall einen hoffnungsvollen Nach-Corona-Neustart hingelegt, zu dem man nur gratulieren und den Besuch wärmstens empfehlen kann.

Schlussapplaus mit Regisseur Jochen Busse

Täglich 20:00 außer Montags, Sa und So auch 17:00

Karten unter 0221 258 01 53

 

 

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