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Kleopatra in Frankfurt – gut scharfgestellt für Cineasten bei Händels “Giulio Cesare in Egitto”

Der olle Händel in moderner Kintopp-Verpackung

Von Michael Cramer  / Fotos von Wolfgang Runkel
Premiere 2. Dezember 2012

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Historische Stoffe um Macht, Politik, Verrat, Liebe und Eifersucht, Mord und Totschlag überstehen die Generationen, sei es als griechische Tragödie, als Shakespeare´sche Drama oder als Stoff zahlloser barocker Opern. Da liegt es in aktuellen Inszenierungen nahe, die Geschichte komplett in die Jetztzeit zu verlegen – was aber auch häufig ordentlich schief gegangen ist. In Frankfurt ist der junge Regisseur Johannes Erath einen ganz anderen Weg gegangen: Er baut eine Rahmenhandlung um die historische Geschichte. Schicke Partybesucher schauen sich in einem gedrungenen Raum einen Film über Caesar und Kleopatra an, studieren das Original-Programmheft, niemand geht ans klingelnde Telefon, die Ouvertüre hört man als alte Schallplatte, und per Zeitsprung in die Historie und Bühnenvergrößerung nach oben werden sie dann selbst zu den Akteuren. Nach dem Kino-Abspann mit kompletten Produktionsteam und Sängern, projiziert auf das Bild eines leeren Filmtheater, springen Handlung und Bühnenausschnitt am Ende dann wieder in die Gegenwart; die Tötung von Tolomeo wird doppelt ausgeführt, erwürgend per Filmrolle und –rückgespult- mit dem Schwert. Die Huldigung Cäsars und die Krönung von Cleopatra dann wieder in „zivil“ und großem Gesangs-Oktett auf dem schwarzen Ledersofa – der Kreis hat sich geschlossen, man erlebte einen bunter Bilderbogen mit vielen visuellen Reizen und vor allem einer gnadenlos guten Musik.

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Galeerenfahrt durch eine komplizierte Story

Erath packt allerlei Belustigendes, Surreales, Skurriles, Barockes, Historisches wie Heutiges in seine Inszenierung, die voll ist mit Anspielungen auf die Filmwelt (Cleopatra als Liz Taylor in der Schaumbadewanne), der Kopf von Pompeo wird per Hutschachtel zugestellt, er selbst geistert kopflos durch die Szene, es gibt Video-Sequenzen (Bibi Abel) und Slow-Motion, nicht zu vergessen das „Rote Telefon“ zwischen den Machtblöcken; einiges dürfte manch konservativem Zuschauer ordentlich gegen den Strich gegangen sein. Das Spektakel schadete der Musik jedoch mitnichten, auch im Hinblick darauf, dass in alten Zeiten der Unterhaltungscharakter im Vordergrund stand und man sich zu klassischer Musik durchaus fröhlich unterhielt. Hingegen steht heute die ernsthafte Rezeption im Vordergrund, ungedämpft Hustende (die in Frankfurt vor allem bei den leisen Stellen reichlich vorhanden waren) werden böse blickend ermahnt.

Vergrößerung in neuem FensterKintopp Händel

Herbert Maurer hat eine wunderbar wandlungsfähige Einheitsbühne gebaut, mit weißen wehenden Quervorhängen, einer fahrbaren Treppe zu einem hoch gelegenen zweiten kleinen Spielort mit Aufzugs-Türen, einem fahrbaren großen Podest, welches auch als von Sklaven gezogene Galeere diente, sogar mit einer echten Überschwemmung, in der sich die Akteure und zum Schluss dann noch ein Krokodil wälzten. Auch die Kostüme (Katharina Tasch) passten perfekt: Süffisant historisierte moderne Klamotten, ein paar ägyptische Zutaten, Helme, blaue Ibis-Vögel, Turbane, aber auch moderne Pistolen und Handys.

Das alles hilft, die doch recht komplizierte Machtspiel- und Liebes-Geschichte, die als reiner Text nur schwerlich in allen Details zu behalten ist, gut und verständlich über die Rampe zu bringen. Es ist sicher müßig, diesem Spiel eine neue Deutung überstülpen zu wollen; im Gegenteil, wir Heutigen sollen uns mit unserer menschlichen Umgebung, unseren Ansprüchen und geheimen Wünschen, aber auch verwerflichen Handlungen zu identifizieren versuchen. Und das ist dem Regisseur hervorragend gelungen, ein ordentlicher Spaßfaktor inbegriffen.

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Die große fast unnahbare Kleopatra

Was allerdings auch an der musikalischen Qualität des Abends lag. Das Frankfurter Opernorchester unter Erik Nielsen, wahrlich keine spezialisierte Alte-Musik-Kompanie, schaffte es mit historischer Aufführungspraxis und in hochgefahrenem Graben, ein wunderbares geschmeidiges Barock-Feeling zu schaffen, mit nervigem Drive, mit himmlischen Gleichmaß und Ruhe, mit kompetentem Continuo, mit perfekter Synchronisation zur Bühne, und mit wunderbarem Hornsolo in „Va tacito“. Schon ein Ohrenschmaus. Die Sängerriege stand dem in nichts nach, berückend vor allem das gleichmäßig hohe Niveau des komplett hauseigenen Ensembles, für das sich die Oper Frankfurt glücklich schätzen kann. Allen voran die beiden Titelhelden; Brenda Rae, jüngst als Maria Stuarda in der Alten Oper noch in bester Erinnerung, begeisterte und brillierte mit ihren großen da capo-Arien, präzisen und leichtfüßigen Koloraturen, wunderbarem Piano sowie gefühlvollem und energischem Spiel. Julius Caesar war entgegen üblicher Aufführungspraxis nicht als Altus (Counter), sondern als Bariton (Michael Nagy) besetzt, was das Händel-gewohnte Ohr vielleicht etwas irritierte, der Freude an seinem runden und wohl klingenden Gesang, seinem Macho-Gehabe und seiner Bühnenpräsenz aber keinen Abbruch tat. Tanja Ariane Baumgartner überzeugte als Cornelia, in der riesigen Hosenrolle des Sesto – und später in Abendgarderobe – brillierte Paula Murrihy mit warmem, ausdrucksstarkem Mezzo , ebenso Sebastian Geyer mit markanten Bass und Simon Bayly als Achilla. Auch die Countertenöre Matthias Rexroth (Tolomeo) und Dimitry Egorov (Nireno) verdienen eine hoch lobende Erwähnung, perfekt in Ausdruck und Stimmschönheit.

Ausnahmsweise sollten auch einmal die Statisten des Hauses erwähnt werden, die nicht nur auf der Bühne vielfältig und schwierig beschäftigt waren, sondern sich auch ständig umziehen mussten. Das volle Haus, welches erst nach und nach in Zwischenapplaus-Stimmung kam, applaudierte lange stehend wie begeistert.

FAZIT: Ein Auge und vor allem Ohr erfreuender grandioser Opernabend und durchaus ernstzunehmender Bühnenspaß, den man nicht versäumen sollte.

Entnommen aus www.omm.de

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