Schwere Kost, aber faszinierend: A picture a day like this
Die Oper Köln ist das absolute Schlusslicht – aber nicht, was ihre musikalische oder szenische Qualität anbelangt, sondern nur in der Aufführungsreihenfolge der Oper „Picture a day like this“. Das gut einstündige Werk von George Benjamin, berühmter Komponist und Siemens-Musikpreisträger sowie seinem langjährigen Librettisten Martin Crimp hatte seine Uraufführung 2003 in Aix-en-Provence, danach weitere Vorstellungen im Londoner Covent Garden, in Straßburg, in Paris, in Luxemburg und noch in Neapel. Diese Gemeinschaftsproduktion erreichte dann am 10. Mai 2026 die Oper Köln – soeben noch im Staatenhaus.
Auch die sparsame Inszenierung und das Bühnenbild von Daniel Jeanneteau und Marie-Christine Mahfoud sowie die Kostüme von Marie La Rocca sind mitgereist. Hier dominieren eine Bühne aus metallisch spiegelnden Platten, einer reduzierten Personenführung und sparsamem Licht, ganz zum Sujet passend. Mehr muss auch nicht sein. Entzückend die unwirkliche Unterwasserwelt, projiziert auf einem dünnen Vorhang (Video: Hicham Berrada).
Was ist an dieser Oper so besonders, so reizvoll für diese erstaunliche Fahrt durch halb Europa ?
Die Geschichte ist schon etwas eigentümlich und märchenhaft. In sieben Bilder erzählt sie von einer jungen Frau und Mutter, deren Kind gestorben ist. Ihr wird gesagt, dass sie es wieder erwecken könnte, wenn sie einen glücklichen Menschen finden würde, dem sie einen Knopf vom Ärmel schneiden könnte. Ihre Begegnungen führen allerdings zu einem Einblick in das Unglück der anderen.
Bei ihrer Suche trifft sie auf ein junges Paar beim Liebesspiel. Ihre Bitte um einen Knopf der abgelegten Kleidung macht den Leuten nur Stress, zumal er die Frau auffordert, als Gegenleistung dafür beim Spiel mitzumachen.
Ein Kunsthandwerker und früherer Knopfhersteller, konsequent gekleidet in einen Anzug aus lauter Knöpfen, ist alles andere als glücklich, er hockt in einem Glaskasten und wird im Verlauf des Gespräches zunehmend dement. Eine bekannte Komponistin kann ihr auch nicht helfen, zumal ihr eigenes glamouröses Leben sehr schwierig sei.
Auf der Suche nach dem Knopf des Lebens wird die Suchende wütend über ihren Misserfolg und trifft verzweifelt auf einen Sammler, der Anteil an ihrer Trauer nimmt und sie in einen Garten lässt. Fordert aber Liebe von ihr. Hier begegnet sie Zabelle, die ihr anscheinend ähnelt. Da die Frau an ihrem Glück teilhaben möchte, erfährt sie von Zabelle eine lange Geschichte über sie selbst und ihren Garten. Denn Zabelle ist nur glücklich, weil sie als Fabelwesen gar nicht existiert. Und entschwindet zum Schluss rätselhaft, während die Mutter nicht das geweissagte Kind, sondern nur einen Knopf in Händen hält. Licht aus, Vorhang.
Die Oper beinhaltet existentielle Fragen und eine Musik, die vor Farbreichtum nur so sprüht. Eine hohe szenische Dichte und das auf ca. 20 Musiker stark reduzierte Gürzenichorchester (gefühlt mehr Bläser als Streicher) lässt den Zuhörer nur staunen. Am Pult führt der Schwede Christian Karlsen perfekt und sicher durch das schwierige Werk; er ist ein in Europa viel beschäftigter Spezialist für zeitgenössische Musik. Aber liebt auch Haydn und Mozart sehr. In Köln hat man ihn erlebt bei Kaija Saariahos „La Passion de Simone“.
Sängerisch war ganz Großes zu erleben, allen voran Adriana Bastias Gamboa. Die mit ihrem volltönenden, mal samtigen und mal aggressiven Mezzo und erstaunlichen Höhen fast unterbrochenen aus der Bühne stand; ein sicher sehr schwieriges Rollendebut. Emily Hinrichs als Zabelle stand ihr in nichts nach; beide perfekte Sängerinnen sind im Kölner Ensemble – ein Glück für die Kölner Opernliebhaber. Die Rollen „Künstler“ und „Sammler“ übernahm begeisternd der amerikanische Gast-Bariton John Brancy, der zwischendurch in die Kopfstimme wechselt. Ein verblüffender Effekt. Er ist Grammy-Preisträger und hat diese Rolle bereits beim Festival d’Aix en Provence dargestellt. Alternativ singt diese Rolle später Georg Clark.
Sehr erfreulich auch der Gast-Countertenor Cameron Shahbazi (Lover 2) und Elisabeth Reiter (Lover 1) mit ihrem Hausdebut. Berückend auch die Performer Lisa Grandmottet, Eulalie Rambaud und Bruno Roseau. Der Chor kann diesmal nicht gelobt werden, da er nichts zu singen hatte.
Die kurze Oper ist schon ein erstaunliches Gesamtkunstwerk über echtes und vermeintliches Glück und wurde zu Recht überall aufgeführt. Und ob der Knopf bei der Übergabe Realität oder nur eine Fiktion ist wie die ganze Geschichte – das bleibt dem Zuschauer überlassen.
Das Premierenpublikum spendete jubelnden Beifall ganz ohne Missfallenskundgebungen, auch dem anwesenden Komponisten. Wenn gleich bei der Premieren-Feier auch einige negative Äußerungen zu vernehmen waren, hauptsächlich aus männlichen Mündern. Diese Oper ist schon eine schwere Kost, aber faszinierend. Ein Besuch lohnt unbedingt.
Aufführungen: 17., 19., 20., 22. und 24. Mai 2026
Fotos: © Sandra Then
Besuchte Premiere am 10. Mai 2026
Rezension von Michael Cramer









