Konzertanter Verdi mit „Ernani“ – zum Ausrasten
Die Oper ist unbestritten die komplexeste Form im gesamten Klang-Universum; sie ist Synthese aus Gesang und Musik, Erzählung und Poesie, Schauspiel und Inszenierung, Bühne, Licht und Kostüm. Bei einer „konzertanten Aufführung“, die durchaus auch in einem Konzertsaal erfolgen kann, entfallen einige wesentliche Teile der Oper, nämlich die Bühne und die Inszenierung. Dafür kann sich der Besucher allerdings ohne jede Ablenkung voll auf die Musik und den Gesang konzentrieren.
Diese Art der Aufführung bindet auch nur einen kleinen Teil der Ressourcen eines Opernhauses und ist sehr praktisch bei hoher Beanspruchung des Hauses. Etwa bei einem Umzug in ein nach langer Zeit endlich restauriertes Gebäude. Insider wissen es bereits: Gemeint ist die Oper am Offenbachplatz, wo es im September wohl endlich losgeht. Der logistische Aufwand dafür ist sehr erheblich, und da tut eine konzertante Aufführung schon echt gut. Und nicht nur der Kostümabteilung, sondern auch der Requisite; die musste nur für drei unterschiedliche Blumensträuße und ein blitzendes Waldhorn sorgen.
Zur Aufführung kam ein „früher Verdi“, seine Oper „Ernani“ von 1844, erstes Meisterwerk des großen Italienischen Komponisten. Sie erinnert in Vielem an seine späteren Ohrwürmer. Die zu Grunde liegende Handlung ist auf der Webseite der Oper nachzulesen www.oper.koeln :
Drei Männer buhlen um die Liebe Elviras: ihr Geliebter Ernani, Don Carlo, der König von Spanien und Silva, Elviras reicher Vormund, dem sie versprochen ist. Als Carlo in Aachen zum Kaiser gewählt werden soll, tummeln sich unter den Verschwörern auch Silva und Ernani. Doch der Mordanschlag misslingt, Carlo wird zum Kaiser Karl V. gewählt und will die Verschwörer bestrafen. Auf Bitten Elviras aber begnadigt er beide und akzeptiert letztendlich die Liebe zwischen ihr und Ernani. Doch das Happy End währt nicht lange, denn Silva will Rache an Ernani üben …
Entscheidender sind die exzellenten Gesangsleistungen des Ensembles; in Nachfolge des früheren „Fest der schönen Stimmen“, organisiert von den „Opernfreunden Köln“, hat auch diese Veranstaltungen alle hochgesteckten Erwartungen erfüllt. Vor allem zeigt sich der Effekt des Kölner Internationalen Opernstudios https://www.opernfreunde-koeln.de/, bei dem junge bereits ausgebildete Sänger und Sängerinnen ein musikalisches Upgrade erhalten durch weiteren Gesangsunterricht an der Hochschule, sprachliche und szenische Ausbildung sowie Live-Auftritte in der Kinderoper. Erfolgreiche Absolventen sind u.a. die beiden Koreaner Young Woo Kim und Insik Choi, seit Jahren fest im Ensemble. Und die jetzt das konzertante Opernerlebnis maßgeblich bereicherten. Young Woo Kim verfügt über einen „bärenstarken Tenor“, ausdrucksstark und problemlos bis in die höchsten Höhen. Seine unbändige Kraft sollte er vielleicht etwas sparsamer einsetzten. Hier ein Video über ihn: https://www.youtube.com/watch?v=yfdRSJ5IpYI
Da gefällt sein Kollege Insik Choi als Don Carlo mit seinem samtweichen Bariton durchaus besser. Der dritte Verehrer ist der Rumäne Adrian Sâmpetrean, ein Bass von eher schmaler Statur, dem man die profunden tiefen Töne nicht zutrauen würde. Er überzeugte mit einer ausgefeilten Darstellung und ausgeprägter Mimik, singt auch ganz hervorragend und wäre Anwärter auf die abendliche Palme. Wenn da nicht Marta Torbidoni wäre. Die international vielbeschäftigte Italienerin, bereits im Vorjahr auf der Kölner Bühne, verfügt über eine einfach herrliche Stimme, mit sicherer, sehr ausdrucksstarker Höhe, verbunden mit wunderbarer Ruhe und Gelassenheit. Einfach toll.
Das Gürzenich-Orchster war mit Verdi war wieder so richtig in seinem Element unter der erprobten Leitung von Altmeister Giuliano Carella. Und vor allem „volle Kanne“ zu hören, noch ohne Orchestergraben.
Die drei anderen: John Heuzenroeder ist ein gestandener, vielfältig erprobter Australisch-Kölnischer Tenor, Alina König Rannenberg stammt aus dem Opernstudio und ist Ensemble-Mitglied, Ferhat Baday studiert noch im Opernstudio. Es ist schon überwältigend, über welch hervorragenden Stimmen auch für die kleineren Rollen das Haus verfügt.
Der Opernchor, einstudiert von Rustam Samedow, entführte das Publikum wie gewohnt erneut in „Verdi´sche Wonnen“. Hier ein Einblick: https://www.youtube.com/results?search_query=ernani+k%C3%B6ln Und lustig ist eine Banda aus jungen Bläsern, dirigiert von Rainer Mühlbach, unsichtbar von der Seitenbühne leider nur zu hören. Aber dann mit viel Applaus bedacht.
Die sehr empfehlenswerte Aufführung gibt es nur noch einmal am Samstag, den 2. Mai 2026, Karten sind erhältlich.
Rezension: Michael Cramer
Fotos: © Matthias Jung







