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Entschleunigte Traviata in Düsseldorf mit Adela Zaharia

Eine fast konzertante Aufführung im Kostüm

 

Von Michael Cramer

Als Opernfreund und Traviata-Fan kann man auch mal echt Glück haben: eine herausragende Produktion mit drei ebenfalls herausragenden Sopranistinnen zu erleben. Nein, zu goutieren. Die Rede ist hier von der Inszenierung des Ungarn Andreas Homoki von 1997, in seiner Frühphase auch Spielleiter der Oper Köln. Diese war 2006 aus einer Notsituation heraus (der vorgesehene Regisseur Hans Neuenfels war erkrankt) aus Leipzig in die Oper Bonn übernommen worden, wo sie von Presse und Publikum stürmisch gefeiert wurde. Dort sang sich Miriam Clark tief in die Herzen und Gemüter der begeisterten Opernbesucher. Sie ist inzwischen festes Ensemblemitglied in Mannheim.

Die gut reisetaugliche Inszenierung mit einer schwarz glänzenden schrägen Spielfläche, aus der Kamelien sprießen können, und nur einigen Stühlen ist dann von der Rheinoper übernommen worden. Hier glänzte Olesya Golovneva mit der Partie, die ihr quasi auf den Leib geschrieben scheint. Eine zarte zerbrechliche Erscheinung, der man ihr Leid uneingeschränkt abnimmt. Homoki hat die Titelfigur nicht dramatisch und im Fiberwahn Blut spuckend sterben lassen, sondern aus nagendem Kummer.

In Düsseldorf nun die Rumänin Adela Zaharia; sie gehört seit der Spielzeit 2015/16 zum Ensemble. Im Sommer 2017 gewann sie den renommierten Operalia-Wettbewerb in gleich zwei Kategorien. Ihr umjubeltes Rollendebüt als Maria Stuarda war  im Dezember 2018 – somit absolvierte sie in dieser Saison zwei wichtige und Rollendebüts. Die Traviata singt sie im Juni auch in einer Neuproduktion der Los Angeles Opera. Adela hat die Figur der Traviata eingehend studiert und gab nun ihr Debut als anrührende schwindsüchtige Kurtisane. Und wie! Ihre Präsenz auf der Bühne und ihr schauspielerisches Talent sind frappierend, man leidet regelrecht mit, manch einer dürfte verstohlen zum Taschentuch gegriffen haben. Stimmlich präsentiert sie ein umfangreiches Spektrum von gehauchtem Piano, umfangreichen Spannungsbögen, großer Sicherheit in den Spitzentönen, und die Liebe der sterbenden, aber noch hoffenden Frau. Der Verzicht der Inszenierung auf opulente Details lässt besser zuhören, durch die unaufgeregte Personenführung wird die Geschichte noch eindringlicher und überzeugender. Rückenschauer stellen sich ein im dritten Akt, wo die illustre Partygesellschaft der Sterbenden über lange Zeit einfach den Rücken zudreht: jetzt ist sie nicht mehr interessant.

Bei allem Jubel über Adela gab es leider ein paar Schattenseiten. Der für Alfredo vorgesehene Rame Lahaj musste  krankheitshalber leider absagen, sein „Ersatzmann“, der Amerikaner Matthew Newlin, hatte die Rolle zwar drauf, nicht aber die Inszenierung. Vor der Aufführung wurde angekündigt, daß Newlin sich seine Rolle noch im Flieger „reingezogen“ hat. Unter den gegebenen Umständen hat er seinen Part sehr achtbar absolviert, Kompliment. Auch der bewährte Laimonas Pautienious, die Zweitbesetzung anstatt Lucio Gallo (der zuvor in Köln etliche Triumphe gefeiert hatte, so auch als Falstaff) überzeugte nur teilweise. Leider hatte er einen kräftigen Stimmaussetzer, sang danach nur verhalten weiter und teilweise eine Oktav tiefer. Man musste schon Sorge haben, dass er die Partie durchstehen würde – aber es gelang. Seine Indisposition war bekannt, aber wegen des Einspringers nicht angewsagt worden. Kann man ja verstehen. Auch der Chorgesang dürfte unter der Gesamtsituation gelitten haben. Die kleineren Partien waren achtbar und rollengerecht besetzt. Der Dirigent und Chorleiter David Crescenzi schaffte es trotz alledem, die Aufführung routiniert zu Ende zu bringen, der jubelnde Applaus des völlig ausverkauften Hauses dankte es ihm.

Besuchte Aufführung am 21. März 2019

© Fotos von Birgit Hupfeld

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