Aktuell oder historisch

Große Tuba in kleiner Kirche – Konzert der etwas anderen Art

Das vergangene Konzert in der Honrather Kirche, gespielt vom „Quartett am Ende der Zeit“ hatte die Fans Deutscher Schlager kaum an den fast gleichnamigen Schlager von Freddy Quinn (1985) erinnert, zumal das dortige Publikum eher nicht auf solche Musik abfährt. Nein, hier spielte eine neue und ungewöhnliche Musikformation zum ersten Male ein öffentliches Konzert, in Fachkreisen als „Besetzungspremiere“ benannt. Vor allem eine große Tuba, die  in der kleinen Kirche noch nie live dabei war.

Im Herbst 2022 fanden sich vier herausragende Musiker zusammen und gründeten ein neues Quartett. Nicht ganz einfach beim Überangebot an derartigen Formationen; da musste schon etwas Ungewöhnliches her, und auch ein ausgefallener Name. Und auch ein ausgefallenes Instrument. Die Musiker wollten Grenzen überschreiten, und neue Klangwelten erschaffen. Notwendig war auch ein anderes Musikkonzept, weg vom klassischen Streichquartett, sondern hin zum „symphonischen „KammerJazz“. Was dies bedeutete, war in einem fantastischen Konzert live erlebbar; Original-Kompositionen verschmolzen mit Klassik und Popmusik, dazu kamen eigene Werke des Ensembles.

Das Konzert ist quasi eine Reise für die Seele, um das geöffnete Herz zu füllen, so Attila Benkö in seiner charmanten Einführung.

Er ist das Fundament des Ensembles, ein Musikant mit osteuropäischen Vorfahren und gelernter Maschinenbaumechaniker, der später aus der musikalischen Leidenschaft seinen Beruf machte. Seit 2005 ist er Mitglied der Philharmonie Südwestfalen / Landesorchester NRW in Siegen und mit seine Tuba der „Maschinenraum“ seines Orchesters, kreiert nebenbei spannende, publikumsnahe Konzertprogramme, ist landesweit gerngesehener Orchester- und Kammermusik Teamplayer und unterrichtet sein Instrument vom Anfänger bis zum angehenden Profi.

Und wer sonst ? Naomi Binder ist eine schicke österreichische CrossOver-Geigerin mit japanischen Wurzeln, mit stupender “vielsaitiger“ sehr ausdrucksstarker Technik, die mit Violine und Bratsche ihren ganz eigenen Glanz auf den Klangteppich ihrer Kollegen zu setzten weiß. Und dann Gero Körner, der  ebenfalls in Köln lebende kosmopolitische Pianist, der mit virtuoser Ausdruckskraft sowohl klassisch aber auch jazzig und zeitgenössich brilliert. Der letzte im Bunde  ist Roger Hanschel, als Saxofonist eine unbestrittene Koryphäe, als Musiker und Komponist weltweit unterwegs und auf zahlreichen Aufnahmen vertreten.  Gerade wegen seiner exzellenten Technik und Virtuosität  drängt er sich aber an keiner Stelle musikalisch vor.

Das Programm war entsprechend sehr bunt. Michael Nyman schrieb den „Song for Tony“, als eine kraftvolle Trauermusik für einen verstorbenen Freund. Andrea Falconieri (1585-1656) war ein fahrender Musiker der Renaissance, von ihm stammt die berühmte Chaconne „Componimenti Diversi“. John Shurman beschreibt in „Caithiness to Kerry“ eine Reise durch die schottischen Highlands – Gero Körner konnte hier seine hohe pianistische Qualifikation beweisen. „Was da weite Herz füllt“ ist eine Komposition aus der Feder von Roger Hanschel, der auch die „Eastern Folk Dances“ für das Quartett arrangiert hat. Der junge Schweizer Komponist Etienne Crausaz hat diese Musik in den Balkanländern gefunden, in den drei Sätzen erklingen abwechslungsreiche Oberstimmen, ein balkanesker Junggesellenabschied mit Zigeunergeige, stellvertretend auf der Tuba zelebriert. Im dritten Satz dann ein Volksfest zur virtuosen Hochzeit, wo nicht nur der Tanzboden glüht, sondern auch die Finger der Musiker über Saiten, Tasten , Klappen und Ventile jagen.

Nach der Pause wurde es dann besonnener. Jonče Hristovski war ein mazedonischer Sänger und Komponist von Volksmusik, und die Melodie seiner heimliche Nationalhymne „Makedonsko devojce“ (Mazedonisches Mädchen ) – wurde von Naomi Binder zu Beginn alleine zart, fast improvisierend in die Kirche getragen – was einfach wunderschön anzuhören war. Richtig fromm wurde es dann mit Johann Sebastian Bach und seinem Choral „Ich rufe zu Dir, Herr Jesus Christ“ BWV 639, eingeleitet per Solo – Saxophon mit einem Interlude von Roger Hanschel der hier mit der Spezialtechnik „Zirkular-Atmung“ verblüffte . Hier kehrte eine himmlische Ruhe mit langem Atem ein, ein spannender Kontrast zur bisherigen Musik.

Zum Schluss dann eine Suite aus „Maria de Buenos Aires“ der einzigen Oper des argentinischen Tango-Komponisten Astor Piazzolla. Der Tango Texter Enrique Santos Discepolo meinte dazu: „Der Tango ist der traurigste Gedanke der Welt, den man tanzen kann“. Das Quartett hatte die schönsten Momente aus der Oper zusammengetragen und von Steven Verhelst arrangieren lassen. Ein wahrer Glücksgriff.

Das sympathische Quartett verabschiedete sich nach dieser großartigen wie ungewöhnlichen Konzertreise mit „Guten Abend, gute Nacht“ von Johannes Brahms in einer ganz eigenen sehr behutsam jazzigen Fassung,  bevor es zur „Nachlese“ in den Gemeindesaal ging. Gerne hätte man den Bach´schen Choral noch einmal gehört.

Attila Benkö bei der Nachlese

Man darf gespannt sein, welche musikalischen Abenteuer diese im wahrsten Sinne „Vier musikalischen Elemente“ (Feuer/Erde/Luft/Wasser) noch erleben werden.

Hinweis: Der WDR hat das Konzert mitgeschnitten, das Sendedatum steht noch nicht fest. Wird aber auf www.musik-honrath.de und über den E-Mailverteiler umgehend veröffentlicht.

Text: Michael Cramer

Fotos: © Michael Cramer, Bernd Urban (1),Wolfgang Kaspers (1), Hintergrund-Text zu den Stücken: Attila Benkö

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