Theater

„Toc Toc“ statt „Tic Toc“ – blendend im Kölner TaD

Es gibt „moderne“ Krankheiten, die meist auf – tie oder  -phobie enden wie Coeliakie, Palliatie, Mysophobie, Bulimie oder Echolalie. Eine sprachliche Ausnahme ist das „Tourette-Syndrom“; hier stößt der Betroffene unabsichtlich mehr oder weniger schlimme oder zotige Schimpfwörter aus. Nur: was soll das hier im renommierten Kölner Theater am Dom ?

Ganz einfach: Da sitzen 5 Patienten mit offensichtlich psychischen Störungen im Wartezimmer des berühmten Neurologen Dr. Stern, der angeblich ihre Krankheiten in nur einer Sitzung heilen kann. Auf diese Sitzung haben sie sehr lange gewartet, alle haben versehentlich denselben Termin bekommen, nur – der Doktor ist noch nicht da. Kein guter Anfang für eine Behandlung, zumal es im Wartezimmer mit fünf ganz unterschiedlichen Stühlen – wohl symbolisch für die verschiedenen Krankheiten – chaotisch aussieht. Seine schicke und selbstbewusste Assistentin, das „Sternchen“ (Cheryl Angelika Baulig) versucht nach dem Aufräumen die Gruppe immer wieder zu vertrösten, sein Flug sei verspätet und der Handyakku leer; gleichzeitig bemüht sie sich wortereich, an einem roten Telefon mit diversen Selbstmordkandiaten diese immer wieder von ihnen Vorhaben abzubringen. „Mit Gas vergiften ? Da fliegt doch das ganze Haus mit allen Bewohnern  in die Luft“. „Die Pulsadern aufschneiden ? Bedeutet große Sauerei mit dem vielen Blut! „

Die Kandidaten wollen alle auf den Doc warten, kommen langsam ins Gespräch und öffnen sich zaghaft zu ihren leidvollen Zwangsstörungen.  Da ist der Taxifahrer Vincent (Thomas Peters), quasi ein lebender Taschenrechner mit Zahlen-Besessenheit, der alles und jedes auf etliche Stellen hinter dem Komma im Kopf ausrechnet. Für ihn sind Zahlen das einzig Berechenbare im Leben.

Er hat sich angefreundet mit Fred, einem leicht ergrauten Rentner mit dem sog. „Tourette-Syndrom“. Alle Tourette-Macken sind genetisch bedingt und daher nicht heilbar, sie belasten auch das soziale Umfeld. Der TV-Star Karsten Speck wurde vom Premierenpublikum mit Auftritts-Applaus begrüßt, drängt sich aber nie in den Vordergrund. Er spielt fast authentisch und hat offensichtlich betroffene Patienten eingehend studiert.

Die Laborantin Blanche fürchtet sich vor Keimen aller Art, wäscht sich ständig die Hände und versprüht laufend einen Desinfektionsspray. Und die elegante Marie (Aline Hochscheid) hat einen Kontrollzwang, alles zu überprüfen, ob der Gasherd oder das Licht aus ist und ob ihr Hausschlüssel tatsächlich in der Handtasche ist. Sie muss sich überdies ständig und blitzschnell bekreuzigen. Auch Lilli (Thea Seiber von Fock) hat eine Macke, sie schreit immer auf bei allen religiösen Begriffen und kann nicht über Linien auf dem Boden gehen.

Langsam entwickelt sich das Ganze zu eine ungewollten Gruppentherapie, die auch schon Ansätze von erstaunlichen Heilungen zeigt. Da kommen in den immer offeneren Gesprächen und Enthüllungen Dinge zum Vorschein, die ein Therapeut kaum hätte eruieren können. Denn die Patienten lernen hier die Probleme der „Kollegen“ kennen und akzeptieren sie vertrauensvoll.

Alle blendenden Schauspieler und Schauspielerinnen laufen hier zur absoluten Höchstform auf, sie demonstrieren auf humorvolle Weise, wie facettenreich Zwangsstörungen sein können. Die atemlose Dynamik, gespickt mit treffsicheren Bonmots und überraschenden Einsichten, lässt die zwei Stunden wie im Fluge vergehen. Der im Hause oft tätige Regisseur René Heinersdorff  hat hier eine tolle Arbeit abgeliefert. Vor allem sinnieren die Zuschauer wohl auch über sich selbst: Bin ich vielleicht auch schon etwas verrückt? Welchen Tic habe ich eventuell selbst ?

Mit viel Wortwitz geht es in dieser „klinischen Komödie“ um mehr Verständnis und persönliche Nähe zu den Betroffenen.

Das tolle Ensemble – allen gebührt die „Palme des Abends“-  verabschiedet sich mit einer unerwarteten Überraschung, die aber hier nicht verraten werden soll. Daher: Unbedingt selbst reingehen in „Toc Toc“

Entspannt bei der Premierenfeier                                                                                                                                                          Foto: M. Cramer

Aufführungen bis zum 26. April: Di.-Fr. 20:00 Sa und So. 17:00 und 20:00 Uhr

Karten unter 0221 25801 52 oder www.theateramdom.de

Fotos: ©Jennifer Zumbusch

Besuchte Aufführung: Premiere am 19. Februar 2026

Rezension von Michael Cramer

Ab 10. April 2026: „Rent a Friend“ von Folke Braband

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