Rezensionen

  „Analoger“ Cirque Bouffon in St. Michael

     
Lotte, meine 16-jährige Enkelin, schrieb mir nach dem gemeinsamen Zirkus-Besuch eine Mini-Bewertung:  „- gute Atmosphäre – nette Leute – gute LiveMusik – gute Kostümauswahl – die Clowns waren zu präsent – keine super außergewöhnlichen Auftritte“

Die junge Dame sieht das Event völlig richtig: der „Cirque Buffon“, des Franzosen Fréderic Zipperlin und seiner Frau Anja Krips (die in Köln-Sülz auch ein französisches Feinkostgeschäft betreibt), ist schon etwas sehr Besonderes. Nicht nur, dass er im 5. Jahr in der -dafür nicht extra säkularisierten- neuromanischen Kirche St. Michael am Brüsseler Platz spielt, sondern ist auch Teil des Konzepts „Kirche für Köln“. So lud der Priester Thomas Frings alle zur kostenlosen Weihnachtsmesse „mit Zirkus“ ein. https://www.kirchefuerkoeln.de/start/

Es ist schon grandios, in dem stimmungsvollen riesigen Gotteshaus eine große Bühne mit all der Technik für die Akrobaten zu sehen, dazu unzählige Lampen und eine rote Beleuchtung, welche auch von außen ein wenig geheimnisvoll erkennbar ist. Zu erleben ist eine wunderschöne poetische Erzählung mit vielfältigen Zirkusnummern, in clowneskem Stil moderiert von zwei „Engeln“, den Ko-Regisseuren Helena Bittencourt und Goos Meeuwsen. Über die man herzlich lachen konnte, mit exzessiver Gestik und ganz ohne Sprache; sie hätten allerdings etwas weniger präsent sein dürfen.

Auch der Komponist und Musiker Sergej Sweschinski ist wieder mit im Boot, mit seiner neuen, schwungvollen Komposition, beinahe gleichzeitig mit Bassgitarre und Kontrabass unterwegs, einfühlsam und melancholisch, begeistert er erneut des Publikum, unterstützt von der singenden Geigerin Jana Mishenina und von Nastja Schkinder mit ihrem Akkordeon. Dazu braust gelegentlich auch die Kirchenorgel „volle Kanne“. Und mit betörend melodischer Stimme und „in lang“ hört und sieht man Anja Krips.

Der Titel des Weihnachtsschau „Celebration“ bedeutet  „Feier“ oder „Begehung“. Hat aber primär nichts mit Weihnachten zu tun, auch wenn der Flyer von der „tiefen Symbolkraft vom Advent“, von Weihnachten oder der „Erscheinung des Herrn an Epiphanias“ schreibt. Und richtig still war es nur sehr selten. Aber immerhin trägt der Priester einen dicken Weihnachtspullover, wird es in einigen Nummern weihnachtlich in Form von „Geschenken“ berichtet, einer Musikbox, die beim Öffnen immer andere Stücke aus der ganzen Welt spielt, ein Skelett tanzt bizarr in riesiger Höhe mit einer Artistin, es gibt ein Brautpaar mit Hochzeitsgeschenken, dazu wie üblich unendlich viele Socken.

Helena Jans, wie die meisten ihrer Kollegen zum ersten Male bei Bouffon, zeigt staunenswerte kraftvolle Figuren auf niedrigen Stempeln, überleitend auf ein schwingendes Seil in der Höhe. Noch flexibler ist Louis-Thomas Gauthier, der unglaublich beinahe ein Mensch aus Gummi ist; man wundert sich, wie seine Gelenke diese extremen Verrenkungen möglich machen. Wie gut, dass es qualifizierte Orthopäden gibt.  Eine verblüffende Jonglage zeigt der Kanadier Nathan Biggs-Penton mit Objekten ganz unterschiedlicher Form und Größe, und das bekannte Cyr-Rad, ein überdimensionaler Hula-Hoop-Reifen, wird von Robin Haefeli scheinbar mühelos jeglicher Schwerkraft beraubt.

Nach zwei rasch vergangenen Stunden dann die „Hairbalance“ der beiden Herren aus Ecuador, José Cuenca Torres und Byron Malquin Castillo. Die aber nicht ihr Haupthaar im Gleichgewicht halten, wie man meinen sollte, sondern im Gegenteil ihre stämmigen Körper kräftig dran ziehen lassen: sie hängen an ihnen durch ihren eigenen Dutt, zeigen eine akrobatische Luftnummer und das sogar zu zweit an einem Haarschopf. Unglaublich.

Zum stimmungsvolle Schluss dann verabschieden sich alle Künstler gemeinsam vom Publikum und beschließen so einen wunderbaren, achtsamen und eigentlich „analogen“ Abend. Nicht wie so oft „immer schneller, immer höher, immer weiter“.

CÉLÉBRATION- die Weihnachtsshow

Fotos: © Christiana Tschoepe

10.12.2025-4.1.2026, St Michael am Brüsseler Platz, jeweils Mittwoch bis Sonntag, am 31.12. und 1.1. keine Vorstellung

Karten unter www.koelnticket.de und 2 Std. vorher an der Abendkasse (ohne VVK-Gebühr)

Besuchte Vorstellung:Premiere am 10.12.2025

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