Musik

Die Vögel – aber nicht von Hitchcock

 

Hochspannende, musikalisch exzellente Aufführung einer Rarität

Bei diesem markanten Titel denkt auch der Nicht-Ornithologe zumeist an den gleichnamigen Thriller von Alfred Hitchcock – aber in die Kölner Oper passt das eher nicht. Auch „Die Vögel“, das antike Drama des berühmten Griechen Aristophanes, ist eher den Absolventen eines altsprachlichen Gymnasiums präsent. Diese Komödie, die Uraufführung erfolgte 414, war als eine Parodie über die überambitionierte Expansion der Athener Regierung gedacht; Braunfelds gleichnamige Oper wurde 1920 im Münchner Nationaltheater unter Bruno Walter mit großem Erfolg uraufgeführt und jetzt, 100 Jahre später, reanimiert – wenn sie auch bereits in den 90ern in Köln aufgeführt wurde. Die Oper gehörte in ihrer Entstehungszeit sehr lange zu den meistgespielten Werken, aber dann kamen die Nazis und verboten dem „Halbjuden“ Braunfels jegliche musikalische Betätigung, er verlor seinen Job an die Kölner Musikhochschule, bekam ein Aufführungsverbot und verkroch sich in Überlingen am Bodensee; hier konnte er ungestört komponieren. Nach Kriegsende erhielt er durch den Oberbürgermeister Konrad Adenauer sein Amt an der Musikhochschule zurück.

W. Schwaiger, L. Singer, A. Maleza-Kutny

In der Oper, an der Braunfels mehrere Jahre gearbeitet hatte, geht es um Ratefreund und Hoffegut, zwei kunstinteressierte Bürger, die im Reich der Vögel der rastlosen Zivilisation entfliehen wollen. Den Vögeln bieten sie einen verlockenden Plan an, mit „Wolkenkuckucksheim“ eine Festung zu bauen, zur Sicherung der Herrschaft über Menschen und Götter. In ihrer Begeisterung überhören sie die Warnung des Prometheus, Zeus schickt ein verheerendes Strafgewitter, das Projekt endet in Krieg und Zerstörung, die beiden Initiatoren müssen zurück. Auf der Suche nach der wahren Liebe nimmt der oft enttäuschte Romantiker Hoffegut die Erinnerung an die Nachtigall mit heim, eine träumerische Ahnung von einer idealen, für ihn unerreichbaren Welt. Ratefreund hingegen sucht den Ort der wahren Kunst, begleitet von unterwürfigen zwei Adlaten, die er immer wieder züchtigt.

Joshua Blohm

Die Regisseurin Nadja Loschky, ehemalig Studentin an der Berliner Hochschule für Musik “Hanns Eisler“ und spätere Assistentin von Hans Neuenfels, hat eine beachtliche internationale Karriere hingelegt; zuletzt war sie in Köln als Regisseurin von Dvoraks „Rusalka“ sehr erfolgreich. Und nun „Die Vögel“, eine schwierige Aufgabe. Grandios hat sie zusammen mit dem Bühnenbildner Ulrich Leitner die – oft gescholtene – Besonderheit des Staatenhauses perfekt genutzt, die enorme Breite und Tiefe der Spielfläche. Nahezu beklemmt sieht man auf eine dunkle öde Fläche, mit toter Natur, Bombentrichtern und Soldaten, die erschossen werden. Loschky hat die Vita von Braunfels geschickt mit dem Plot der Oper verwoben: das Schlachtgetümmel zu Beginn – Braunfels war im Krieg als Soldat verwundet worden; die spätere „Reichsbildung“ gemahnt an das Dritte Reich, Braunfels hatte jüdische Eltern, war aber später zum Katholizismus übergetreten. Die Aufzucht großer Mengen von Eiern lässt an den Rassenwahn der Nazis denken, einschließlich eines reinrassigen Riesen-Ei, aus dem nach dem vernichtenden Gewitter der kommende Führer entsteigt.

Chor, Statisterie
W. Schwaiger, Statisterie

 

 

W. Schwaiger, J. Blohm

Es gibt viel zu sehen und zu hören: Der Chor als bunte Vogelschar, originell kostümiert und unterwegs auf Vogelkrallen, ist von Rustam Samedow blendend und textverständlich einstudiert. Gabriel Feltz, der in Köln die „Tote Stadt“ dirigiert hatte, macht aus der Musik fast ein Kammerkonzert.  Mächtig laut wird es aber doch beim strafenden Gewitter. Das ausgezeichnete Orchester sitzt diesmal links neben der Bühne, das subtile und präzise Dirigat von Feltz ist gut zu verfolgen; und vor allem der Einsatz der Sänger: nicht ganz einfach bei diesen Entfernungen. Aber alle schlugen sich prächtig mit ihren Rollendebuts, darunter auch mit Anna Maleza-Kutny ein aktuelles Mitglied des Opernstudios: Als Zaunschlüpfer ein entzückender Wirbelwind auf der Bühne und dazu noch mit einer herrlichen Stimme. Als Nachtigall betörte Ana Durlovsky mit prachtvollem Sopran und perlenden Koloraturen; der Wiedehopf ist der König des Vogelreichs, Wolfgang Stefan Schweiger lässt dazu seinen volumigen Bariton ertönen. Prometheus alias Samuel Youn, auch ehemaliges Mitglied des Opernstudios, zeigt alle Register seiner international erprobten Bassstimme und seines schauspielerischen Könnens.

J. Blohm, W. Schwaiger

Burkhardt Fritz ist ein Heldentenor wie er im Buche steht, der mit den schwierigen Koloraturen der Rolle als Hoffegut locker umgeht, dabei noch textverständlich singt und rollengerecht hervorragend spielt. Man hat ihn in Köln als Erik (Der fliegende Holländer), als Don Alvaro (Verdi: Forza del Destino), als Faust (Berlioz) und als Paul (Die tote Stadt) sehr gut in Erinnerung. Sein Mitstreiter Ratefreund ist der Bassist Joshua Bloom, mit reichlich Schwärze in der Stimme und flotter Dreistigkeit. Auch die Nebenrollen werden passend und stimmlich erfreulich gesungen und gespielt. Ein großes Lob hier den eingesetzten Mitgliedern des Opernchores.

Samuel Youn
W. Schwaiger, J. Blohm

 

Alle Sänger und das Produktionsteam wurden mit langem stürmischen Beifall bedacht, natürlich im Stehen.

Premiere 5. Dezember 2021

Fotos ©Paul Leclaire

Dauer: knappe drei kurzweilige Stunden, eine Pause

Rezension: Michael Cramer

Nächste Ausführungen: 25., 28. und 30.12, 6.1,, 8.1. und 13.1.2022

Karten: https://www.oper.koeln/de/programm/22-01-2022

 

 

 

 

 

 

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