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Johann Sebastian Bach: Johannespassion

Alle Jahre wieder – schöner Karfreitags-Brauch in Köln

 

Von Michael Cramer

19. April 2019

„Ein Mirakel, ein Tsunami“ – so bezeichnete der Kölner GMD Francois Xavier Roth 2017 auf seiner Einführung zur Bach´schen Johannespassion, dem berühmten Werk des Leipziger Thomaskantors von 1724; so standen auch dieses Mal etliche kartensuchende Musikfreunde draußen vor der total ausverkauften Philharmonie. Liegt das an der Frömmigkeit in Köln mit ca. 50% Christen, an der Aura des hoch geschätzten GMDs oder ist das einfach nur ein schöner Brauch ? Immerhin wurde diese Passion erstmalig 1895 unter Ferdinand Hiller im Gürzenich-Saal aufgeführt.

Das Werk, die einzige historisch komplett erhaltene Bach-Passion, hatte seine Uraufführung drei Jahre vor der Matthäuspassion und ist nach Robert Schumanns berühmter Einschätzung „kühner, gewaltiger und poetischer“ als die bekanntere Passion nach Matthäus. Dies insbesondere durch die Streitgespräche zwischen Jesus, Pontius Pilatus und dem Volk, dessen Aufheizung im dramatischen Aufruf „Kreuzigt ihn“ mündete. Dieses kolossale, bilderreiche Werk diente Bachs erster Vorstellung im neuen Amt; hatte ihn der Leipziger Rat doch angewiesen, nur ja nichts Opernhaftes in die Kirchenmusik einfließen zu lassen, die nur zur Andacht anleiten sollte. Das aber ist bei seiner Johannespassion jedoch nicht wirklich der Fall, die Auseinandersetzungen und Konflikte gemahnen schon ein wenig an ein Bühnenwerk. Ähnliches kann man bei Verdis „Requiem“ oder Rossini´s „Petite Messe Solenelle“ konstatieren. Auch sind die Kirchen längst nicht mehr absoluter Spielort dieser Musik; neben Konzertsaal-Darbietingen gibt es etliche eindrucksvolle Ballett-Aufführungen, so vom berühmten Hamburger John Neumeyer.

F.X. Roth, Sohn des berühmten französischen Organisten Daniel Roth, der unter dem Dirigat seines Filius 2016 mit der Orgelsymphonie von Saint-Saens in der Kölner Philharmonie konzertiert hatte, dürfte die Musik von Johann Sebastian bereits mit der Muttermilch aufgesogen haben. Als studierter Flötist hatte er fast alle Bachwerke mitgespielt, ist stark beeinflusst worden vom Altmeister John Eliot ‚Gardiner, und ist darüber hinaus der Gründer und Chefdirigent des Barockorchesters „Les Ciècles“. Roth lobt das Gürzenichorchester bei jeder Gelegenheit in hohem Maße ob seiner Flexibilität; die Musiker, welche sich sonst mit Mahler, Brahms, Beethoven und den Neutönern und mit unendlich vielen Farben, Klängen und ganz unterschiedlicher Dynamik auseinandersetzen müssen, hatten auf einmal nur recht wenig zu spielen, und das bei einfacher Spannung und schlichtem Rhythmus. Zwar auf modernen Instrumenten, aber oft mit Dämpfer – der Klang kam dem von Darmsaiten schon recht nahe. Klanglich und optisch reizvoll waren die Akteure auf dem Podium verteilt: Oboen und Flöten saßen vor den Streichern, die Sänger standen variabel verteilt, der Evangelist immer vorne rechts, Jesus neben dem Continuo, Pilatus hinten vor dem Chor, der Rest saß locker auf den Stufen des Podiums verteilt und begab sich zum Singen an die Rampe.

Unumschränkter Star des Konzertes war das Vokalensemble des Kölner Doms, einstudiert von Eberhard Metternich. Dieser hoch agile Musiker begann 1987 als Kölner Domkapellmeister, erweiterte beständig die Dom-Musik um einen Mädchenchor, um die Kantorei, um eine Domkapelle, um das Vokalesemble und eine Musikschule. Als Professor unterrichtet er das Fach Chorleitung an der Kölner Musikhochschule und unternimmt Reisen zu anderen Musikinstitutionen und in Partnerstädte. Und hatte trotz allem offensichtlich genügend Zeit, um sein Vokalensemble optimal für dieses Konzert vorzubereiten. Homogene Stimmen bei hervorragender Textverständlichkeit, präzise Tutti-Einsätze, extreme, aber niemals schrille Dynamiksprünge, fast flüsterndes Piano, hohe Durchsichtigkeit und ein rundes Klangbild – einfach wunderbar. Auch bei halber Besetzung mit „In meines Herzens Grunde“. Völlig zu Recht konnte der Chor den meisten Applaus einheimsen.

Das internationale Solistenensemble gefiel und sang einheitlich hervorragend. Allen voran der Tenor Matthias Klink als Evangelist. Sehr sicher, selbstbewusst und gut textverständlich, in den Höhen teilweise mit etwas irritierendem Falselett merkte man ihm seine Bühnenerfahrung schon an, was aber zu keinem musikalichen Bruch führte. Tareq Nazmi gab ausdrucksstark den Jesus, die Einspringerin Sarah Aristidou brillierte mit herrlichen Sopranarien, sehr hübsch die Mezzo-Stimme der Französin Isabelle Druet, wohlklingend bei „Von den Stricken meiner Sünden“, sensibel begleitet von Tom Owen (Oboe) und Ikuko Homma (Oboe da Caccia). Die Basspartie war bei Michael Nagl in den besten Händen, mit runder, angenehmer Schwärze und sicherer Deklamation. Und lustig anzusehen die Pianistin Petra Marianowski, die immer von ihrer Truhenorgel zum Cembalo hüpfte – und zurück.

Michael Nagl

Dem Dirigenten konnte man seine Leidenschaft für dieses Werk durchgängig ansehen, seine ununterbrochene Spannung drückte die Freude an dieser Musik nachdrücklich aus bis hin zu ausgeprägter Beinarbeit. Er schien die Musik, die Klänge förmlich aus den Sängern und Orchester herauszusaugen. Alles in allem war ein würdiges Karfreitags-Konzert zu erleben mit der begründeten Aussicht, dass dieser schöne Brauch auch weiterhin Bestand haben wird. Das ausverkaufte Haus feierte nach langer, atemloser Stille alle Beteiligten enthusiastisch.

Fotos: Holger Tallinski

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