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„Gespenst des Joaquím Murieta“ am Orangerie-Theater

„Gespenst des Joaquím Murieta“
Foto: Klaudius Dziuk

Der Mythos lebt

19. September 2017

Von Michael Cramer

Mit „Abschluss-Inszenierungen“, Produktionen als End- und Höhepunkt eines langen Schauspielstudiums, hat das Orangerie-Theater, eine idyllische Location am Rande des Volksgartens, gute Erfahrungen gemacht – zuletzt sorgten Shakespeares blutiges Drama „Titus Andronicus“ und die wunderbar erotische Komödie „Die gelehrten Frauen“ von Molière für erfreulichen Zuspruch in der umkämpften Kölner Theaterszene. Heuer war es die Arbeit von Irina Miller, der in Köln lebenden kasachischen Autorin und Schauspielerin, für sechs Absolventen der hiesigen Theaterakademie, fast in Sichtweite weg von der Orangerie, den Startschuss in den Bühnenberuf abgefeuert zu haben. Aus dem Werk des großen chilenischen Dichters Pablo Neruda (1904-1973), der 1971 den Literatur-Nobelpreis erhielt und unter ungeklärten Umständen starb, der als Konsul seiner Heimat in vielen Ländern tätig war und sich in Spanien und Chile stark gegen den Faschismus engagierte, hat sie den Stoff extrahiert, der sich mit Joaquín Murrieta (bei Neruda mit nur einem ‚r‘) befasste. Er war eine Legende aus der Zeit, als er sich 1849 wie Tausende Latinos aufmachte, um in Kalifornien als Goldgräber ihr Glück für ihre Familien zu suchen. Statt viel Edelmetall fanden die Schatzsucher aber nur Fremdenfeindlichkeit und Rassismus, diskriminierende Steuersätze für ausländische Goldsucher und Gewalt gegen sie. Auch seine eigene Frau wurde vergewaltigt und ermordet. Konkurrenten halt in schwerer Zeit.

Murrieta wurde zur Symbolfigur des lateinamerikanischen Widerstands gegen die aggressiven US-Amerikaner, er zog als Bandit durch Kalifornien und wurde schließlich von Rangern enthauptet. Sein in Brandy konservierter Kopf wurde überall im Lande herumgezeigt. Nicht nur Neruda, sondern auch zahlreiche andere Autoren nahmen sich des Stoffs über den lateinamerikanischen Robin Hood an, der auch als Vorlage für die Zorro-Figur herhalten musste. Die Fremdenfeindlichkeit gegenüber Menschen mit dunkler Haut, mit anderer Kultur und Lebensumständen, ist auch 2017 immer noch hoch aktuell, nicht nur in den USA gegen die Mexikaner, sondern weltweit. So wurde Murrieta durch das dramatische Werk von Neruda zum Helden, der nachts durch die Prärie reitet und Gerechtigkeit für alle Unterrückten fordert. Ein Held für die Südamerikaner, der sich gegen die Unterdrückung wehrt – für die Amerikaner ein verhasster Feind und Konkurrent.

Irina Miller, Autorin des Stückes und auch verantwortlich für Regie und Bühne, ist fasziniert von dem Stoff, wie sie im privaten Gespräch bei der Premierenfeier verriet. Vom ihm existiert bislang keinerlei Bühnenfassung. So hat sie eine spannende, sehr vielschichtige Bühnen-Collage geschaffen, mit vielen Einzelszenen, mit viel Fantasie, mit viel Spannung, mit dem Reigen um Gold und Geld und auch mit Musik, die an Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“ erinnert, als der geheimnisvolle Stein erforscht wird – vielleicht ein bewusstes Zitat. Die Akteure entrollen eine schwarze Schlange aus Stoff auf der Bühne (die später auch das Ende des Stücke symbolisiert), formen aus ihr eine Art Kiste mit gemalten großen Augen, aus der Hände zu greifen versuchen, vielleicht nach dem Gold, welches in Kalifornien lockt, denn „Gold ist Geld, und Geld regiert die Welt“. Den Ankommenden werden viele Steine in den Weg gelegt, sie werden verhört, überfallen und beraubt – heftige, spannende Kampfszenen in perfekter Zeitlupe. Wobei allerdings die Szene mit der Überfahrt auf einem Schiff in die USA schon ein wenig zu lang gerät.

Die vier Immigranten geraten in einen amerikanischen Sumpf von Geldgier, von Bordellen, von Musik. Für die Besichtigung des Kopfes von Murrieta wird natürlich Eintrittsgeld verlangt, eine Bardame im goldenen Kleid lockt die Neuen mit laszivem Tanz. Viele Anspielungen auf die Tagespolitik gibt es, aus Trumps Mauer gegen die Mexikaner, aus „America for Americans“, durch symbolisches Geldwaschen, durch Anspielung auf den rassistischen Ku-Klux-Klan. Murrietas Kopf wird zum Schluss sehr feierlich beerdigt, mit mexikanischem Pomp, ähnlich wie im Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum. Resignation oder Hoffnung?

 Foto: Michael Cramer

Die Schauspieler hängen sich sehr überzeugend in ihre Rollen rein, Asta Nechajute, Miguel Dragger, Georgios Markou, Pia Stutzenstein, Anne Katharina Müller und Jan-Martin Müller – mehrere von ihnen spielen zwei oder drei Rollen, ihnen allen gebührt eine kleine Palme des Abends. So ausgeglichen, so gleichermaßen hervorragend spielt und singt das Team auf der geschickt-schlichten Bühne. Wenige Requisiten, begleitende Schattenspiele auf einem runden Bildschirm und schneller Szenenwechsel durch schwarze Vorhänge und Kostüm-Accessoires schaffen einen dichten überzeugenden Theaterabend, über den man auch im sehr informativen Abendprogramm gerne noch nachlesen mag. Ein langer stehender Applaus belohnte zur Premiere die sehr ungewöhnliche Produktion.

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