Theater

Trude Herr, die ewige Kölnerin

 

Es ist besser, in der Sahara zu verdursten als in Köln-Lindenthal zu sitzen und auf die Rente zu warten

Von Michael Cramer

Ein langes Batikkleid, ein überdimensionaler Strohhut, eine kleine Reiseschreibmaschine und ein paar wackelige Campingmöbel, dazu ein gelbes Gummiboot, im Hintergrund ein Video der kriegszerstörten Stadt Köln – fertig ist die Szenerie „Fidschi-Insel“, spätes Refugium des Kölschen Originals Trude Herr. In dieses milde Klima hatte sie sich aus gesundheitlichen Gründen 1987 zurückgezogen, nachdem aus dem selben Grund in ihrem „Theater im Vringsveedel“ in der Südstadt, in dem sie in Personalunion als Intendantin, Autorin, Schauspielerin und Kostümbildnerin agierte, nach 9 Jahren der letzte Vorhang gefallen war. Schwerkrank kehrte sie in die Heimat zurück und starb mit nur 63 Jahren an Herzversagen in einem Ferienhaus in Südfrankreich. Ein sehr intensives Leben lang hinter der korpulenten Vollblutschauspielerin, die auf Fragen nach ihrer Taillenweite zu sagen pflegte: „Ich habe gar keine, ich bin überall gleich“.1

Das Kölner Bauturmtheater hat ihr Wirken in Szene gesetzt mit einer liebenswerten wie liebevollen bunten Revue, als Erinnerung an eine sehr ungewöhnliche und in Köln sehr beliebte Volksschauspielerin, deren Gedächtnis in der Stadt leider langsam verblasst. Ganz im Gegenteil zu Willi Millowitsch, vom dem es ein Denkmal auf dem nach ihm benannten Platz gibt. Aber anders bei Trude – vergeblich bemüht sich ihr Fanclub http://www.trude-herr-fanclub.de , der immerhin auch ein kleines Ehrenmal finanziert hatte, um ein städtisches Ehrengrab. Autor und Regisseur Sebastian Kreyer, der im Bauturm auch selbst auf der Bühne stand, hat aus zahlreichen Schnipseln, Episoden, Interviews und Texten das Leben der „Kölschen Diva“ ein buntes Bilderbuch zusammengestellt, mit gespielten Szenen, mit Ausschnitten aus Videos, mit ihren Liedern im O-Ton.

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Die „Tutti“, wie Trude genannt wurde, war nicht nur die lustige Dicke, die in zahlreichen Filmen und Theaterrollen für ungebrochene Heiterkeit sorgte. Millowitsch holte sie in sein Lustspiel-Theater (sie hatte heimlich eine Schauspielausbildung absolviert), mischte erfolgreich im Sitzungskarneval mit (obwohl sie den eigentlich ablehnte), und tanzte im legendären Kaiserhof. Für ihre Filme über ihre Reisen fand sie keinen Verleih, für ihre Bücher keinen Verleger. Bekannt war sie dennoch „wie ein bunter Hund“, und wurde früh gar vom jungen Günther Jauch interviewt https://www.youtube.com/watch?v=k-0464wkee0 Sie war aber auch ein Sensibelchen, eine oftmals tragische Figur, hatte mit zahlreichen Problemen zu kämpfen, musste vieles überdecken; ihre häufigen Selbstzweifel kamen eindrucksvoll heraus, im Wechsel mit Visionen des Erfolgs. Aber alles wurde übertroffen von ihrem Erfolg mit „Ich will keine Schokolade“ https://www.youtube.com/watch?v=j_8g-eNkaq4 ; das Lied stand lange ganz oben in den Charts; das Video zeigt ihre unnachahmliche Bewegung beim Singen und Tanzen.

Sebastian Kreyer hat in dem Schauspieler Matthias Buss die Idealverkörperung für Trude gefunden: mit ähnlichen Proportionen, mit einem runden Gesicht, mit angeklebten Wimpern und verblüffend ähnlicher Stimme; nach ganz kurzer Zeit vergaß man, dass da eigentlich ein Mann spielte. Mitstreiter Kreyer spielte den Gustl Schellhard, ihren Freund und Mentor, der mit ihr zusammen das erste Theater, die „Kölner Lustspielbühne” gegründet hatte. Er war Erzähler und Conférencier für die vielen Episoden im Leben der Tutti. Und spielte auch noch alle möglichen Personen aus dem Leben derTrude. Im berühmten Streifen „Die erste Fahrstunde“ mit Heinz Erhard waren beide Rollen im Origininalstreifen und einer nachgedrehten Version gar vertauscht. https://www.youtube.com/watch?v=7haPE2nVLXo

Buss spielte die Trude mit ungeheurem Elan, diskutierte mit dem Publikum, fing schallend an zu lachen, wenn er mal aus der Rolle gefallen war. Er (sie) war ständig in Aktion, erzähle, dass ihr die Liz Taylor mal die Rolle als Cleopatra weggeschnappt hätte; prompt kam eine Szene von einer Karnevalssitzung, wo Trude ägyptisch gewandet große Heiterkeit auslöste: sie wäre auch vom Nil, nämlich von Köln Niehl (einem Vorort). Köstlich eine Szene auf den Fidschis, wo sie aus einem Lehrbuch über das Tauchen die unterschiedlichen Unterwasserzeichen erklärt. Viele nette Regiegags gingen auf das Konto von Kreyer.

Den nicht gerade griffigen Titel „Trude Herr – es ist besser, in der Sahara zu verdursten als in Köln-Lindenthal zu sitzen und auf die Rente zu warten“ versteht man sehr gut, wenn man das Leben dieser Kölschen Ausnahmeerscheinung studiert hat: Sie zog es vor, lieber ein unkalkulierbares Risiko einzugehen als ein beschauliches, sicheres Leben zu führen in einem gut bürgerlichen Kölner Vorort. Genau so hat sie auch gelebt.

Das Bauturmtheater (nach dem Stück über „Petermann“, dem berühmten Schimpansen) hat damit auch der Trude Herr ein weiteres Denkmal für die Kölner gesetzt: höchst amüsant und spritzig, mit vielen Originalszenen und Trudes unverwechselbaren Stimme, aber auch tiefsinnig und vor allem ganz ohne Klamauk. Gratulation allen Beteiligten, und Dank durch langen begeisterten Premierenapplaus.

http://www.theater-im-bauturm.de

Premiere 30.4. 2017

Fotos © Bauturmtheater