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Alte Liebe rostet nicht – auch nicht bei Kleinwagen

Alte Liebe: Die Isetta – ein Stück konservierte Jugend

  • 07.09.15
  • Für Michael Cramer ist die Isetta ein Stück konservierte Jugend.

Für Michael Cramer ist die Isetta ein Stück konservierte Jugend.

Foto: Tobias Christ

Der Motor des Kleinstauto saß an der Seite und die Fronttür ließ sich öffnen wie ein Kühlschrank. Michael Cramer und seine Frau Marita sind seit Anfang der 1960er Jahre infiziert vom Isetta-Virus.  Vor 20 Jahren ließ sich Cramer die Überreste einer ganz besonderen Variante aus Südafrika schicken. Es war die völlig marode Tropenversion eines Isetta-Cabrios, die dem Zahnarzt  und Kulturjournalisten vor die Tür gestellt wurde.

Das Besondere dabei sind das mit einer Feder ausstellbare Dach und die Luftschlitze in der Fronttür. „Das ist die einzige Isetta in Tropen-Ausführung in Deutschland“, sagt der 71-Jährige, der lange an der Restaurierung arbeitete. Es gebe zwar noch eine zweite Tropen-Isetta, aber die sei nicht fahrbereit.

Wer die seltene Knutschkugel  in Aktion erleben will,  hat dazu an der Deutz-Mülheimer Straße Gelegenheit. Im „Raum 13“, dem „Deutzer Zentralwerk der Schönen Künste“ in den alten KHD-Gebäuden, entfaltet die Isetta derzeit im Kunstprojekt  „Schönheit der Vergänglichkeit, Teil 3“  ihre volle Kraft. Die befreundete Theaterchefin Anja Kolacek kannte das Auto und bat um die Ausleihe. So fährt sie alle vier Wochen damit selbst durch die ungewöhnliche Theaterlandschaft.

Deshalb habe ich sie:

Michael Cramer:Ich fahre fast mein ganzes Führerschein-Leben lang Isetta. Die erste bekam ich mit 18, das war 1961 und der Wagen kostete damals gebraucht 50 D-Mark. Ich habe meine damalige Freundin, die mittlerweile seit 48 Jahren meine Ehefrau ist, mit der Isetta vom Königin-Luise-Gymnasium in der Kölner Innenstadt abgeholt. Ihr besorgte ich später ebenfalls eine Isetta, weshalb wir zwei hatten, als wir heirateten. Später habe ich das Auto leider verschenkt. Damals war der Wagen einfach praktisch und billig, heute ist er für mich ein Stück konservierte Jugend. Nach ein paar Jahren kinder- und berufsbedingter Isetta-Pause habe ich eine halb zerlegte Isetta zunächst nur zusammengebaut und später mit meinem Sohn gründlich restauriert. Vor etwa 20 Jahren  habe ich dann die jetzige Tropen-Version als Rosthaufen aus Südafrika übernommen und ebenfalls komplett restauriert. Meine Frau hat sich halbtot gelacht, als sie angeliefert wurde. Von dem Wagen war praktisch nichts mehr übrig geblieben. Innen lag neben anderem Müll eine südafrikanische Bierdose, durchlöchert von Kleinkaliber-Kugeln. Die Dose habe ich heute noch.

Das kann sie:

Michael Cramer: Für mich ist das Auto Nostalgie auf vier Rädern. Ich kenne an ihr  jede Schraube mit Vornamen, schließlich habe ich binnen vier Jahren immer wieder an dem Wrack gearbeitet. Die große Stärke ist natürlich ihre Wirkung auf die Menschen. Die Kleinen lachen sich kaputt, weil sie so ein kleines Auto noch nie gesehen haben. Die älteren schmunzeln in nostalgischer Erinnerung, sie sprechen mich auch immer wieder auf technische Details an. Wir nutzen die Isetta für viele Aktivitäten in näherer Umgebung, manchmal setzen wir uns zum Beispiel in Abendgarderobe rein und fahren zur Kölner Oper.

Das kann sie nicht:

Michael Cramer: Um im Straßenverkehr gefahrlos mithalten zu können, braucht man schon Übung. Durch geschicktes Schalten und Nutzen des eigenen Schwungs muss man dafür sorgen, dass der nicht gerade übermotorisierte Wagen nicht zum Verkehrshindernis wird. Respekt vor Lkw kann auch nicht schaden, die Gefahr, übersehen zu werden, ist groß. Andererseits schaut jeder hin, wenn ich irgendwo aufkreuze.

Das habe ich für sie getan:

Michael Cramer:Das Problem bei dieser südafrikanischen, also rechtsgelenkten Version ist es, dass sich Fahrer und Motor auf derselben Seite befinden und daher eine gewisse Schräglage entsteht.  Dies besonders bei der dreirädrigen Version in England. Deshalb habe ich als Ausgleich auf der linken Seite unter der Sitzbank einen 20 Kilo schweren Bleiblock montiert, den ich mir mal aus den ausrangierten Auswuchtgewichten eines Reifenhändlers zusammen gegossen habe. Nach der Restaurierung habe ich eine große Taufe organisiert, an der 15 weitere Kleinwagen-Besitzer teilgenommen haben. Ein Freund, der als Mufti auftrat, taufte die Isetta auf den Namen Sahara und besprühte sie mit Hilfe einer Klobürste mit Wasser.

Das haben wir erlebt:

Michael Cramer: Als Jugendlicher fuhr ich mal als Beifahrer durch Köln und habe bei geöffnetem Dach auf einer riesigen Tuba gespielt. Das war ein Gag zur Karnevalszeit. Die Isetta war oft als Hochzeitskutsche im Einsatz, mit dem jetzigen Cabrio habe ich meine Tochter zur Hochzeit zum Rathaus gebracht. Und vor etwa drei Jahren ist mir der Motor komplett um die Ohren geflogen, weil der Zylinder abgerissen war. Doch eine Isetta stirbt nie, der guten Ersatzteil-Versorgung sei Dank. Vor vielen Jahren bin ich auf einer glatten Fahrbahn ins Rutschen gekommen und gegen eine Leitplanke geprallt. Die Tür war blockiert und ich musste über die Dachöffnung aussteigen. Das Dach war von Anfang an auch als Notausstieg konzipiert.

Das haben wir vor:

Michael Cramer:Meine Frau und ich haben einfach Spaß daran, immer mal wieder das alte Isetta-Feeling aufleben zu lassen. Ich freue mich jetzt schon auf die nächste Tüv-Prüfung. Das ist immer sehr amüsant, die Prüfer laufen meistens nur einmal um das Auto, fragen, ob sie auch gut bremst,  und checken die Blinker. Eine Überprüfung von unten kommt bei der Isetta ohnehin nicht in Frage: Für die Grube ist der hintere Radstand zu schmal. Die Kleine würde wohl einfach ins Loch fallen.

Aufgezeichnet von Tobias Christ

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