Kräftiger Otello in der Oper Bonn
Otello, der Mohr von Venedig, ist die bekannte Tragödie von William Shakespeare. Sie handelt von dem dunkelhäutigen Feldherr Otello, der aus übertriebener und durch den Intriganten Jago geförderte Eifersucht, seine Geliebte Ehefrau Desdemona ermordet. Nachdem er erkannt hat, dass Jago ihn getäuscht hat, tötet er sich selbst. Giuseppe Verdi komponierte nach „Aida“ und als vorletzte seiner 26 Opern „Otello“ nach Shakespeares Drama von 1604 und dem Libretto von Arrigo Boito. Die Handlung und die vielen zwischenmenschlichen Probleme werden hier als bekannt vorausgesetzt
Die Oper Bonn plante eine Aufführung von „Otello“ und verpflichtet als Regisseur den international gefragten und hoch dekorierten Leo Muscato, den man nach seinen Inszenierungen von Händels „Xerxes“, Rossinis „La cenerentola“, Händels “Agrippina“ und Prokofjews „Die Liebe zu den drei Orangen“ in bester Erinnerung hatte.
Also nun der Otello, von dessen Namen der Regisseur oder der Dramaturg das „h“ eliminiert hat – warum auch immer.
Der Regisseur hat, wie üblich die Oper ein wenig umgebaut – wenn nicht immer ganz glücklich. Sie spielt auf Zypern, aber wesentlich später: bei der Krise 1974 wurde die Insel – bis heute – politisch geteilt. Zu der Zeit gab es schon die analoge Fotografie. Desdemona, Frau des Otello, ist ständig mit ihrer Kamera als Kriegsberichterstatterin unterwegs. Unklar bleibt es, ob diese Berufstätigkeit mit Otello abgesprochen war. In ihrer Dunkelkammer, die, wie erforderlich, rot beleuchtet ist, da die frischen Vergrößerungen vor dem Entwickeln sonst schwarz würden, hängen jede Menge aktuelle Bilder zum Trocknen. Sie ist also nicht die liebenswürdige und begehrenswerte junge Frau, sondern sucht mit ihrer Fotosammlung ihren aktuell weißhäutigen Ehemann (nicht der Mohr) zu beruhigen. In dieser Dunkelkammer kommt es auch zum stimmungsvollen Miteinander des Ehepaares bei passendem roten Licht.
Otello ist eigentlich ein Underdog, von niederem Stand, der einen hohen militärischen Rang erreicht hat. Und dann noch die schöne Desdemona „erobert“ hat. Seine Eifersucht führt letztlich zu einem Femizid, ähnlich einem Ehrenmord in muslimischen Bereichen. Der Mord geschieht daher eigentlich aus verletztem Ehrgefühl.
Jago, Fähnrich von Otello, ist voll Hass auf ihn, da er in der militärischen Rangfolge übergangen wurde und sucht ihn mit einer Intrige zu vernichten. Der Ohrwurm, seine große nihilistische Arie „ Credo in Un Deo crudel“ ist oft in gemischten Opernsendungen zu hören.
All das passiert auf der Bühne von Frederica Parolini, in einem Gemäuer, welches seine frühere Schönheit atmet, jetzt aber fast verfallen ist. Vielleicht ein Symbol des Stimmungszustands aller Agierenden. Von der Seite gleiten immer wieder neu Nebenräume zur Mitte: Schlafzimmer, Wohnraum, Schulungsraum für die Soldaten, Kommandozentrale, Empfangsaal. Dazu müssen regelmäßig seitlich große Sichtblenden heruntergelassen werden, ein etwas nervender Anblick, auf den man zwangsläufig stets achtete. Das Opernhaus Bonn hat doch eine Drehbühne, die man jüngst noch im Barbier erlebt hat, oder?
Musikalisch gab es durchaus sehr Achtbares zu hören. Otello, Georg Oniani aus Georgien und seit einigen Jahren im Ensemble, hat eine mächtige Stimme, die er geschickt einsetzt, da er sich manchmal gegen das oft sehr laute Orchester durchsetzen muss; hier wäre manchmal leise Musik angebracht. Sicherlich kann er auch lyrische Partien singen, wenn man ihn denn lässt.
Sein Kontrahent Jago wird gesungen vom Veroneser Simone Piazolla; ihm gebührt die Palme des Abends. Auch wenn er einen abstoßenden frauenverachtenden Bösewicht darstellt. Seine Stimme ist herrlich volltönend und dunkel, sein Spiel überzeugend.
Die amerikanische Sopranistin Kathryn Henry stammt aus Wisconsin und sprang als Desdemona in ihrem europäischen Operndebüt in Bonn gleich ins kalte Wasser und bleibt wohl auch im Ensemble. Sie verfügt über einen hellen, ausdrucksstarken Sopran, ist sehr flexibel im Spiel und singt anrührend das „Lied von der Weide“, ebenso wie das Finale „Ave Maria“.
Vorzüglich agieren Ryan Vaugham Davies als Cassio, Tae Hwan Yun als Rodrigo, Martin Tzonev als Ludovico und Susanne Blattert als Emilia.
Keine Oper ohne Musik. Hier ist Dirk Kaftan, der bewährte Opern-GMD, in seinem Element. Wenn er es auch oft arg krachen ließ. Aber er sorgt auch für Farbenreichtum, für schöne, durchsichtige Bläserstimmen und perfekte Sängerbegleitung im fantastischen Werk des göttlichen Verdi.
Der große Opernchor, zusammen mit dem Extrachor und dem Jugendchor sorgt für prächtige Musik, einstudiert von André Kellinghaus und Ekaterina Klewitz.
Das Premierenpublikum applaudierte kurz und heftig und nicht so lange wie in Bonn üblich; es war schon ein schweres Stück Musiktheater zu verarbeiten.
Premiere am 22. März 2026
Dauer 2 Sunden, 40 Minuten
Fotos von © Bettina Stöß
Text von Michael Cramer
Karten unter www.theater-bonn.de








