Schauspiel Köln: Berlin Alexanderplatz – schwierig für Senioren
Michael P. , ein guter alter Bekannter, wie ich ü80, klagte nach der Premiere: „Für eine solche Aufführung sind wir einfach zu alt“; seine Frau Silvia ergänzte philosophisch: „Der Text der Lautsprecherdurchsage, durch Abschalten der Handys mal drei Stunden nicht erreichbar zu sein, hätte gut gepasst: denn die Inszenierung hätte auch sie selbst überhaupt nicht erreicht“.
Nun, was war los ? Nicht nur, dass ein für Kölner Verhältnisse mehr als magerer Applaus für das eigentlich ausgezeichnete Darstellerteam eigentlich verblüffte. Der Regisseur Hermann Schmidt-Rahner, früher schon am Schauspiel Köln tätig und hier auch für die Bühnenfassung verantwortlich, hat den berühmten Roman von Alfred Döblin „Berlin Alexanderplatz“ über Franz Biberkopf, einen Totschläger und Kriminellen, auf die Bühne des noch provisorischen Schauspielhauses „gedrückt“, nicht locker inszeniert, sondern mit „Gewalt“ an unsere Zeit angepasst. Ein Wust an extrem schnell gesprochenen und für die Älteren schwierig verständlichen Dialogen, dazu garniert mit zahlreichen Handy-Life-Videos, mit einer unübersehbaren Masse von Bildern auf einer riesigen Videowand auch von den Reichsten der Welt wie Elon Musk, Jeff Bezos, Mark Zuckerberg und Konsorten.
TikTok und Instagram lassen intensiv grüßen, und alles gleich mehrfach auf der verspiegelten Bühne von Pia Maria Mackert zu sehen; wo sollte man nur hinschauen ? Dazu zahlreiche Werbebotschaften, Bibeltexte, alles in sehr rascher Folge. Auffällig ist allerdings die korrekte Rechtschreibung im Gegensatz zum oft chaotischen Deutsch in den sozialen Medien. Und natürlich die laute und nervende Rap-Musik. Diese Überflutung war kaum auszuhalten, ich gestehe, dass ich nach einer halben Stunde fast gegangen wäre – aber dann siegt die Neugierde und die mit 2 Stunden überschaubare Spieldauer.
Den 500-Seiten-Roman, obwohl in der Familie vorhanden, vorab zu lesen war mir nicht in den Sinn gekommen, denn ein Schauspiel sollte sich selbst erklären. Aber nicht hier. Das lag nicht nur an der Schnelligkeit und subjektiven Unverständlichkeit der Texte (ich habe hilfsweise auf die englischen Übertitel geschielt), sondern auch an der Regie. Warum wurde Biberkopf in den fünf Akten jeweils von einer anderen Person gespielt ? Warum ist die hoch geschätzte Anja Lais mit Schnäuzer hier ein Mann ? Was macht der Todesengel mit den ulkigen Flügeln da immer mal wieder ? Warum Großaufnahmen von Krebsen ? Verwirrend ist auch die Personenführung, man musste ständig schauen, wer sich gerade wo aufhielt.
Das Gewimmel ebbt gegen Ende merklich ab, die Szene spielt auf matschigem Untergrund, aus der Augen starren, der Tod hat am Ende kein Gesicht, Endzeitstimmung liegt an.
Das Ensemble, bestehend aus Jonas Dumke, Leonhard Hugger, Fabian Reichenbach, Uwe Rohbeck, Anja Laïs, Louisa Beck, Franziska Annekonstans Winkler und Agnes Hestholm ist wirklich als außergewöhnlich gut zu bezeichnen, ebenso die originellen Kostüme von Michael Sieberock-Serafimowitsch. Insgesamt gib es extrem viel zu sehen, auch die Videos von Mario Simon. Fraglich ist es aber, ob der tiefere Gehalt des Romans über die schillernde Metropole der 20-er Jahre, die politische Situation und seine Menschen in dieses Inszenierung wirklich herauskommt. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass ich mit ü80 – obwohl regelmäßiger Theatergänger – mit dem Stoff schlichtweg überfordert bin – ebenso wie mein Freund Michael P.
Besuchte Aufführung: Premiere am 19.12.2005
Termine: 4., 16., 17., 30. Januar, 15. Februar, 120 min, keine Pause
Fotos: © Marcel Urlaub







