Musik

Mozart´s Figaro – eine Zeitreise in die Vergangenheit

Mozart´s „Hochzeit des Figaro“ – gelegentlich verwechselt mit Rossini´s „Barbier von Sevilla“ und oft pauschal genannt „der Figaro“ – ist eine der meistgespielten Opern weltweit und steht chronisch im Wettstreit mit dem „Don Giovanni“ um die Gunst der Opernbesucher. Umso schwieriger ist es für ein Theater, für eine Inszenierung etwas Neues, etwas Anderes, etwas Ungewöhnliches auf die ehrwürdigen Bühnenbretter zu stellen. Oft hört man von der Presse „recht nett, aber eigentlich wie immer“. Das wollte die süddeutsche Regisseurin Katharina Thoma nicht von sich sagen lassen. So drehte sie die ganze Geschichte um Eifersucht, Intrigen, Nachstellungen und Verwirrspiel einfach um; sie beginnt in der Gegenwart im maroden Schloss Almaviva, welches als Museum etwas heruntergekommen ist. Eine eifrig fotografierende Touristengruppe wird herumgeführt, allerlei Krempel liegt herum, das Haus wartet auf die dringende Restaurierung (kleine aktuelle Anspielung), das Personal sind Mitarbeiter, klassisch gekleidet ist der Museumsdirektor Graf Almaviva. Seine wissenschaftliche Mitarbeiterin Susanna hat Mühe, die Touristen von ihrem Restaurationsobjekt fernzuhalten. Und Figaro ist eine Art Hausmeister. Natürlich stellt der arrogante Direktor seinen Mitarbeiterinnen nach, das war schon immer so, ganz unabhängig ob in modernem Zivil oder in Rokoko-Pomp.

Weiter geht es rückwärts auf dieser Zeitreise. Langsam ändern sich die Kostüme, über Video (Georg Lendorff) wird der jeweilige Zeitraum angezeigt; das erleichtert die Übergänge zwischen den Akten. Auch das Mobiliar ist angepasst, alles ist hübsch und ordentlich, eine Tapete an der Wand, der alte Krempel ist weg. Sogar einen Hund gib es, einen hübschen Schäferhund, der dem Grafen als Jagdhund dient und das Versteck des Cherubino verraten soll. Was aber wie bekannt nicht klappt. Man errät es leicht: Die Einheitsbühne wird immer nur leicht umgebaut, Möbel und Sonstiges wird oft durch die Protagonisten selbst geändert.

Was allerdings weniger durchkommt, ist die damalige politische Aktualität und Brisanz der Oper; die Regisseurin beruft sich mehr auf die zwischenmenschlichen Beziehungsprobleme und Wirrungen. Der oft gepriesene Fortschritt hinsichtlich der Gleichberechtigung entfällt weitgehend. Die peinliche Enthüllung und Lösung der Verwirrungen bahnt sich an – wie zu erwarten.

Entzückend und betörend ist der letzte Akt im Garten des gräflichen Schlosses. Wo man sonst reichlich Grünpflanzen aller Art sieht, werden hier etliche klassische weiße Statuen reingetragen, davon einige „lebendig“. was einen stürmischen Zwischenapplaus zur Folge hatte. Dickes Kompliment an die Darsteller und Statisten, die längere Zeit völlig unbewegt verharren mussten. Es war allerdings nicht einfach, die Figuren, alle in neutralem Weiß, zu unterscheiden. Sie sind einfach nur normale Menschen ohne die Attribute ihrer Herkunft und Macht, nur Liebende.

Musikalisch war die Aufführung große Spitze. Allen voran Kathrin Zukowski als stark geforderte Susanna. Sie ist über das Kölner Opernstudio zur heutigen Qualifikation kontinuierlich gewachsen und singt inzwischen auch an der Wiener Staatsoper und in Salzburg. Chapeau! Höhepunkt ist ihre Rosen- Arie im letzten Akt, schlichtweg zum Niederknien. Kathrin verfügt über einen großartigen, flexiblen und kraftvollen Sopran und bewegt sich darstellerisch auf sehr hohem Niveau.

Die zweite Palme gebührt Andrés Orozco-Estrada, dem neuen Kölner GMD. Es ist ein großes Vergnügen, ihn dirigieren zu sehen und zu zuhören, insbesondere bei den lyrischen Passagen. Er lenkt und begleitet die Akteure mit seinem Orchester sehr sängerfreundlich und differenziert feinsinnig die komplexe Musik Mozarts zu einem Gesamtkunstwerk. Er ist einfach ein Glücksfall für die Kölner Oper und das Gürzenichorchester.

Adolfo Corrado als Figaro ist ein charmanter Naturbursche, sein herrlicher Bariton strömt nur so; es ist eine Freude, ihm zuzuhören. Die Gräfin wird gesungen von Selene Zanetti, die stimmstark und ausdrucksvoll die verzweifelte Ehefrau darstellt. Der Graf Germán Olvera ist ein Macho eigener Art, mit einer blendend passenden Stimme. Anita Monserrat ist der quirlige Cherubino, Christoph Seidel der herrlich polternde Gärtner, Dmitry Ivanchey gibt herrlich den Basilio. Auch die kleineren Rollen sind prächtig besetzt.

Der Kölner Opernchor unter Rusram Samedow singt und spielt wie immer ganz hervorragend. Und nicht zu vergessen die charmante Theresia Renelt am Hammerflügel, reizvoll begleitet von Tatu Kauppinen mit dem Cello.

Insgesamt ist dieser „Figaro“ eine großartige Bereicherung des Spielplans und das auf sehr hohem Niveau. Verdient riesig war der Premierenapplaus.

Schlussapplaus und Premierenfeier. 3. v.l. Kathrin Zukowski, Fotos M. Camer

Fotos von © Thilo Beu

Bühne von Johannes Leiacker

Dauer: dreieinhalb Sunden incl. Pause

Rezension von Michael Cramer

Premiere am 01. März 2026

Weitere Aufführungen: 8., 12., 14., 18., 20., 22., 26., und 28. März

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